Gambia-Tagebuch von Dr. Elisabeth Eulerich

Dr. Elisabeth Eulerich aus Dresden arbeitete ab dem 14. Dezember 2009 für 7 Wochen in der Gesundheitsstation von Manduar, Gambia. Über ihre Erfahrungen berichtete sie hier im Tagebuch. Hintergrundinformationen finden Sie auf der Projektseite 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 11.12.09 , 23 uhr - Dresden

 

56 stunden vor abflug aus berlin stelle ich mir ganz besorgt und auch voller ehrfurcht die frage, wie  meine beiden vorgänger bis zum letzten tag  in krankenhaus oder praxis arbeiten und trotzdem heil und mit den wichtigsten dingen im gepäck in manduar ankommen konnten. hut ab !

 

ich jedenfalls arbeite seit ende november nicht mehr regulär, habe mir nur noch ein paar nächte im dresdner notarztdienst um die ohren geschlagen. normalerweise falle ich nach solchen nachtschichten mit stündlichem  piepsen wegen mehr oder minder ausgeprägter gesundheitlicher mißempfindungen, unter denen die mitteleuropäische bevölkerung leidet, wie ein stein ins bett und schlafe bis in den nachmittag des folgetages. das allerdings hat meine bevorstehende reise nach gambia in den letzten beiden wochen erfolgreich verhindert. kaum war das ohr am kopfkissen, drehte  sich das gedankenkarussell – was steht heute an erledigungen auf meinem plan, was muss ich für die zeit meiner abwesenheit ( immerhin 7 wochen !) noch klären, welche impfung steht als nächstes an, wie geht es im februar nach der zeit in afrika weiter und was muss ich dafür noch mit wem besprechen ?? es gab tage, da hatte ich das gefühl, an einen adrenalinperfusor angeschlossen zu sein, ständig tachykard und mit dieser inneren unruhe, verursacht von dem gefühl, mich vollkommen übernommen zu haben mit diesem vorhaben in der kurzen vorbereitungszeit.

 

vor nicht mal 3 wochen habe ich am telefon mit landsaid geklärt, dass der einsatz für mich möglich ist und vom verein befürwortet wird, vor 2 wochen dann wirklich den flug gebucht. so mach ich das nie wieder! aber egal, jetzt sind es nur noch 2 tage, dann bin ich hier weg – und nach mir die sintflut J. nein, meine 5 zettel mit den hundert zu erledigenden dingen sind jetzt fast alle abgearbeitet, in mir macht sich vorfreude breit und eine gewisse innere ruhe. Wird schon alles werden…

 

eine große aufgabe habe ich am telefon heute von meiner freundin marion, die ja in gambia seit jahren lebt ( und auch mit-initiatorin meines einsatzes ist ), bekommen: ich muß von ihrer schwester morgen noch eine barbiepuppe holen, die unbedingt für ein 8jähriges mädchen aus dem senegal gebraucht wird, das sich dringendst zu weihnachten diese puppe wünscht… da kann man von barbiepuppen halten, was man will – diese aufgabe gilt es unbesehen zu erledigen J

 

bin ich, auch wenn ich alle organisatorischen punkte im vorbereitungs-parcour erfolgreich absolviert habe, alle notwendigen impfungen mit mehr oder minder ausgeprägten nebenwirkungen hinter mich gebracht habe, alles über malaria-prophylaxe und –therapie gelesen habe und alle strassen in gambia schon mindestens einmal mit dem finger auf der landkarte abgefahren bin, überhaupt ausreichend vorbereitet auf meine arbeit in manduar ? weiß ich genug über erkrankungen, von denen europäische ärzte in zivilisierten gebieten noch nicht mal schlecht träumen ? ein blick in das dicke und erschreckend teure tropenmedizinbuch reicht, um die frage eigentlich mit NEIN zu beantworten. seufz…  - okay, ich lese unten dann ganz viel und ansonsten : LEARNING BY DOING ist die devise !!

 

so, genug „vor-abreise-gedanken“. alle zu ordnen und für den leser nachvollziehbar zu machen, erscheint mir eh als unmögliche aufgabe.

 

aber eins kann ich euch sagen, wenn ich auf das thermometer im auto schaue, während mein freund mich vom abschiedsabend bei meinen eltern nach hause fährt  - die 1,5°C und den schneeregen draussen werde ich nicht vermissen, wenn ich ab montag bei 25°C und einer kleinen brise in afrika bin.

 

ääätsch J J J

 

 

Freitag, 25.12.09

 

weihnachten in afrika ! bei ca. 26°C unterm moskitonetz im bett, tür und fenster offen, den bauch voller entenbraten, schreibe ich tagebuch, damit nach 10 tagen alle neugierigen was zu lesen haben. gleichzeitig ist es ganz gut, auf die art und weise mal die gedanken zu ordnen , die hier in alle richtungen immer wieder abhaun, weil soviel neues und spannendes auf mich einstürzt.

 

wenn ich meinen tagebucheintrag von vor der abreise lese, muss ich fast lachen. die dort beschriebene hektik  hat sich in den 10 tagen hier völlig in luft aufgelöst; die angst, der aufgabe, die ich mir ja selbst gestellt habe, nicht gewachsen zu sein auch. ich kann wirklich behaupten, dass es mir gut geht, ich mich wohlfühle, gesund bin und spaß an arbeit, land und leuten habe.

 

weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. eigentlich könnte ich – wenn ich die zeit hätte – romane schreiben…

 

 

 

ich bin am abend des 14.dezember pünktlich mit dem flieger in banjul angekommen. der flug von berlin über brüssel war völlig problemlos. die 8 stunden ab brüssel waren mehr als kurzweilig, weil neben mir ein in deutschland lebender gebürtiger gambianer saß, mit dem ich schnell im gespräch war. so war ich also mit informationen über das land schon vollgestopft, bevor ich seinen boden betreten konnte J. einreiseformalitäten fast null, meine tasche war als eine der ersten auf dem laufband – und schon konnte ich meine freundin marion in die arme schließen, die es sich nicht hatte nehmen lassen, mich selbst vom flughafen abzuholen. um 7 ortszeit saßen wir dann im auto, um die ca. 20km zum „compound“ (sowas wie grundstück, anwesen, aber auch wohneinheit hier in gambia ) von heinz und marion zurückzulegen. unterbrochen wurde die fahrt von mehreren polizeikontrollen, über die ich schnell lernen mußte, dass sie zum täglichen leben hier gehören und als unabänderliches nerviges übel zu ertragen sind…   dann saßen wir auf der terrasse bei den beiden noch lange zum quatschen - schließlich hat man mit einer freundin, die man seit 10 jahren kennt und die aber seit 2 jahren in gambia lebt, viel zu besprechen J

 

am nächsten morgen bin ich nach dem frühstück von gerhard lemp und seiner frau ruth vom gambia-afrika-hilfe e.v. abgeholt worden. die beiden haben einen ganz entscheidenden anteil daran, dass es den healthpost in manduar heute gibt und waren die letzten wochen hier unterwegs, um spendenaktivitäten ihres vereins zu koordinieren und auch zu kontrollieren vor ort. eine bessere einführung in das, was mich erwartet in manduar, konnte ich also nicht bekommen.  es war demzufolge ein spannender tag mit so vielen erläuterungen, verhaltenregeln, ortsangaben und eindrücken, dass mir am abend fast der kopf geplatzt ist. ging damit los, dass ich mir ja die strecke, die ich inzwischen jeden tag zur arbeit fahre, merken mußte – und das ohne jede vorkenntnis der örtlichen gegebenheiten und leider auch ohne straßenschilder…  als frau !! bildungsmaßnahme nummer 2 : wie verhalte ich mich bei polizeikontrollen ? aufgabe nummer 3 war abzuschätzen, wann man am günstigsten und ohne unhöflich zu wirken die ellenlange rede eines afrikaners unterbricht, während der kurz luft für den nächsten satz holt. Das haben wir geübt während eines schulbesuches in manduar. anscheinend haben wir den richtigen zeitpunkt erwischt, sonst würde der direktor der schule heute noch sprechen und lemps hätten ihren flug verpasst … dann endlich besuch im healthpost ! der ist klein und war schnell angeguckt, schwieriger war schon, die namen der mitarbeiter zu behalten. mein „boss“ für die kommenden wochen, der krankenpfleger sol, der die ambulanz in abwesenheit ärztlicher betreuung leitet, war mir sofort sympathisch. er hatte auch gleich zwei patienten für uns aufgehoben, die extra wegen des „tubab“-doktors gekommen waren. tubab ist ein wort in mandinka, einer der landessprachen und bedeutet weißer. das schreien auch alle kinder am straßenrand, wenn man an ihnen vorbeifährt oder –läuft. also bissel sprechstunde mit nicht ganz so leicht zu lösenden problemen – und ich bekam schon so eine ahnung, was mich die nächsten tage und wochen erwartet…

 

auf dem rückweg noch besuch bei einer afrikanischen familie, mit der lemps schon seit jahren in verbindung sind; essen mit allen anwesenden aus einer schüssel, in der reis und fleisch in einer erdnußsoße zubereitet waren  - und gute ratschläge an die junge frau, die wegen der malaria kurz vor entbindung ihr baby verloren hatte und jetzt probleme gynäkologischer natur hat, aber versucht, wieder schwanger zu werden…

 

was für ein tag ! zum glück haben wir ihn dann geruhsam ausklingen lassen, als wir uns in marions restaurant „blue kitchen“ alle zum essen trafen. dort wurde dann auch im gespräch klar, dass ich noch nicht am nächsten tag gleich arbeiten kann, weil das auto, das ich ja für die fahrt nach manduar brauche, noch im gebrauch der lemps war – und zwar bis donnerstag. deren termine waren alle wichtig und nicht ohne transport zu managen. also hieß das für mich – erstmal durchatmen, zwei tage einleben und dann erst start !

 

diese beiden tage habe ich mit marion und familie verbracht, mir die unmittelbare umgebung zeigen lassen, die täglichen einkäufe fürs restaurant mitgemacht und abends im „blue kitchen“ mit ehepaar lemp und teilweise wichtigen leuten, denen ich vorgestellt werden mußte ( governor der region und bürgermeister von banjul ) zu abend gegessen. außerdem war es eine durchaus tagefüllende aufgabe, die mit der rallye aus deutschland angekommenen spenden an medikamenten und verbandstoffen zu sichten, zu sortieren und an verschiedene einrichtungen zu verteilen. marions  küche sah zeitweise aus wie eine apotheke, die von einer bombe getroffen worden war…

 

 

 

nach manduar bin ich dann am freitag das erste mal gefahren, habe wider erwarten den weg allein gefunden und alle kontrollen passieren können. ich fahre  immer so gegen 8 hier in sukuta los, sammel manchmal unterwegs noch diverse mitarbeiter für den heathpost ein und bin dann je nach verkehr und polizeipräsenz kurz vor 9 da. der warteraum sitzt um die zeit schon voller patienten, weil alle immer früh kommen, auch wenn wir bis in den nachmittag geöffnet haben. da die regenzeit vorbei ist, müssen wir momentan nicht solche patientenzahlen wie von meinem kollegen und vorgänger simon beschrieben ( 70 bis 80 am tag ) sehen. es waren bisher  so zwischen 25 und 45 patienten am tag. anfangs war ich viel zu langsam und sol mußte mich immer antreiben. ich war natürlich nicht vertraut mit den abläufen und wohl für hiesige verhältnisse viel zu gründlich in meinen versuchen, manche probleme zu lösen. sowohl diagnostische als auch therapeutische möglichkeiten stehen nur in sehr eingeschränktem maß zur verfügung, daran mußte ich mich erstmal gewöhnen und teilweise ganz schön umdenken. is eben nix mit mal eben zum röntgen schicken und dann 2 stunden später den befund vom radiologen in der hand halten – die patienten müssen dafür ins  40 km entfernte banjul fahren und kommen dann tage später mit einem meist qualitativ sehr unterbemittelten bild zurück – nätürlich ohne befund !  - das ich dann ohne lichtkasten  irgendwie in meine diagnose einordnen soll. da überlegt man sich jede überweisung zweimal. auch labor steht kaum zur verfügung. ein laboratory technician kommt ( unentgeltlich! ) an zwei tagen die woche, um evtl. malariatest, also blutausstrich unterm mikroskop, machen zu können – für fragliche fälle. Sonst gibt es zwar neuerdings ein aus deutschland gespendetes altes gerät, das z.b. die leberwerte bestimmen kann, aber es gibt keine blutabnahmesysteme, die die blutgerinnung verhindern und alle werte müssen einzeln bestimmt werden – daraus resultiert, dass wir spätestens nach 2 parametern neues blut vom patienten bräuchten… außerdem muß für solch eine laborarbeit auf dem hof der generator angeschmissen werden, weil es in manduar keinen strom gibt – außer man macht ihn selbst.  geplant sind zwei solar-paneele, um wenigstens für bissel licht und einen kühlschrank (medikamentenlagerung!) strom zu haben.

 

etwa die hälfte der leute, die wir zu sehen bekommen, sind malariapatienten. ich habe inzwischen gelernt, dass die malaria neben den fieberschüben viele gesichter hat – und dass ich bei jedem unklaren fieber zuerst an das wahrscheinlichste ( und gefährlichste ) denken muß.  wenn ich an einem freitag  einen säugling mit bissel fieber und durchfall sehe und den auf gastroenteritis behandel, kann es sein, dass er am montag mit hohem fieber und fast komatös wieder vorgestellt wird, weil am wochenende der healthpost nicht besetzt ist und die leute nicht bis ins 5km entfernte brikama fahren  wegen einem fiebernden kind ! da ist es eben doch malaria – und dann aber schnell !

 

einen ebenfalls  großen teil der behandlungen machen hautinfektionen aus, meist duch pilze, aber auch bakterielle. bindehautentzündungen, ansteckende geschlechtskrankheiten, gastritis bzw. magengeschwüre ( vermutlich, gibt keine möglichkeit der gastroskopie ), infizierte wunden, verbrennungen und verbrühungen – vor allem bei kindern, infekte der oberen atemwege, zahnschmerzen ( werden zum glück zum zahnarzt geschickt ), wurmerkrankungen, durchfälle, aber auch verstopfungen, hoher blutdruck, gelenkbeschwerden, gynäkologische probleme ( ab zum spezialisten ) und und und… das spektrum ist riesig, vieles habe ich, in der ausprägung zumindest, noch nie gesehen. das tropenmedizinbuch, das ich vor meiner abreise teuer erstanden habe, ist mein treuer begleiter und abends mein lesestoff. trotzdem kann es nicht alle offenen fragen beantworten. sehr fruchtbar ist die zusammenarbeit mit sol, dem pfleger, der die kleine station leitet. abgesehen davon, dass ich ohne seine sprachkenntnisse in allen 4 üblichen landessprachen aufgeschmissen wäre, weil kaum einer englisch spricht auf dem dorf, besprechen wir jeden fall und versuchen unsere kenntnisse und erfahrungen zusammenzuführen zu einer diagnose. auch die therapie oder auch weitere schritte wie überweisungen stimmen wir eigentlich immer ab. dabei lernen wir beide, denke ich, und haben viel spaß an der arbeit.

 

in den ersten tagen war ich in jeder pause und auch nach der sprechstunde damit beschäftigt, auch hier im healthpost alle vorhandenen medikamente und verbandsstoffe zu sichten und zu sortieren. wir sind ohne frage ganz gut ausgestattet mit pharmazeutika , aber viele sind deutsche medikamente, deren beipackzettel niemandem etwas sagt, sodass es keinerlei ordnung in der „sammlung“ gab und wir immer ewig gesucht haben am anfang, wenn was bestimmtes gebraucht wurde. in mühevoller kleinarbeit haben wir jetzt alles sortiert, zum teil nach wirkstoff, zum teil nach symptomenkomplex, und die schränke außen beschriftet. sol war zu beginn etwas mißtrauisch ob meines aufräumfimmels, freut sich aber inzwischen auch, wenn wir schnell das gesuchte finden...

 

 

 

Montag, 28.12.09

 

ich bin am 1. weihnachtsfeiertag nicht ganz fertig geworden mit meinem eintrag – und erst jetzt wieder in der lage, bissel am rechner zu tippen. seit samstag bin ich selbst patient gewesen, anfangs nur mit nem bösen husten, gestern aber auch mit fieber und heute noch durchfall. super ! und das am wochenende und heute zum public holiday ( islamisches neujahrsfest ). na wenigstens habe ich  dadurch nicht auf arbeit gefehlt. ich denke, morgen kann ich wieder gehen. sol hat jeden tag besorgt angerufen, schließlich bin ich jetzt 14 tage im land und muß auch bei mir selbst an die möglichkeit einer malaria denken. aber ohne weiteres fieber bin ich wohl erstmal aus dem schneider …

 

ich muß noch erzählen, wer meine mitstreiter sind im healthpost. sol habe ich ja schon kurz vorgestellt. er ist eine seele von mensch, gut ausgebildeter und sehr erfahrener krankenpfleger, der in ermangelung an ärztlicher betreuung im ganzen land ( 1 arzt auf 14.000 patienten, in deutschland auf 500 !!) jahrelang arzt und pfleger in einer person war. er war lange im staatlichen gesundheitswesen tätig, bevor er vor 3 jahren in manduar anfing. ihm zur seite stehen 3 junge gambianerinnen, die als volontärinnen arbeiten – in der hoffnung, irgendwann eine ausbildung zur krankenschwester machen zu können. leider sind sie  bisher so gut wie nicht medizinisch oder pflegerisch ausgebildet, was die sache manchmal schwierig macht. sie registrieren die patienten bei ankunft und kassieren die 5 dalasi ( entspricht etwa 15 cent ) „praxisgebühr“ für die behandlung und sollen eigentlich dringende fälle wie z.b. sehr hohes fieber an uns melden – was nur bedingt funktioniert. außerdem verbinden sie kleinere wunden und packen die medikamente aus den großpackungen in kleine tüten ab. was sie dringend brauchen, ist ein bißchen nachhilfe in hygiene. händewaschen zwischen den behandlungen war nicht angesagt, desinfizieren und handschuhe fremdwörter. ich habe in ruhe erklärt, dass es um den schutz der patienten vor übertragungen genauso geht wie um selbstschutz – wir arbeiten weiter dran J und dann ist da noch susann – eine deutsche abiturientin, die mit ihren 19 jahren über eine deutsche organisation namens VOLNET als volontärin nach gambia gekommen ist. sie will nach ihren 7 monaten hier medizin studieren und ist eine große hilfe, wenn es mal um schnelles und effizientes zupacken ohne viele worte geht – egal ob beim  schränke-beschriften oder beim raussuchen eines bestimmten verbandsstoffes in dem immer noch chaotischen verbandszimmer.

 

so, ich mach erstmal schluß – auch wenn ich wahrscheinlich die ganze nacht noch weitererzählen könnte. beim nächsten eintrag mehr zu afrikanischen patienten im allgemeinen und speziellen – versprochen !

 

 

 

Dienstag, 05.01.10              

 

das neue jahr ist schon wieder 5 tage alt, die zeit rennt – darin unterscheidet sich afrika nicht von zu hause. das dürfte allerdings so fast  das einzige sein…  ich bin gut reingerutscht ins jahr 2010, ohne viel party, mit heinz und marion auf dem zeltplatz. die böllerei hat sich hier sehr in grenzen gehalten. für die muslimische bevölkerung hat das neue islamische jahr schon am 26.12. begonnen, den jahreswechsel als solchen feiern sie hier nicht. nur in den hotels an der küste, also nicht weit weg von uns, wurden ein paar raketen losgelassen.

 

so ganz viel arbeit gab es in der zurückliegenden woche nicht für mich, weil 2 feiertage drin waren, an denen der healthpost geschlossen blieb – montag wegen dem   islamischen neujahr und freitag dann 1.1. – man feiert hier alles was geht…

 

außerdem war ich nach wie vor bissel kränklich, der böse husten, wohl am ehesten ein virus, läßt mich nicht wirklich los. das macht die sprechstunde mitunter schwierig, weil ich mitten im reden einen hustenanfall kriege, der alle vernünftige kommunikation unterbricht. so ganz langsam wirds besser, alles in allem nicht dramatisch.

 

die patientenzahlen in  manduar sind zur zeit überschaubar, nach wie vor sind viele für unser  verständnis exotische krankheitsbilder auf der tagesordnung. an manchen tagen allerdings habe ich den eindruck, dass die probleme weniger auf medizinischer ebene zu klären sind als vielmehr auf der verständigungsebene mit den patienten oder auch ihren angehörigen. ich rede jetzt nicht mal von den rein sprachlichen barrieren zwischen mir und meinen patienten – die überwinde ich mit sol’s hilfe ganz gut – es sind eher dinge wie der analphabetismus der meisten im dorf sowie deren völliges unverständnis für bestimmte behandlungsgrundsätze, die unsere bemühungen teilweise aussichtslos erscheinen lassen. wie soll ich erklären, was ich meine ? – am besten wohl an beispielen.

 

am montag meiner zweiten arbeitswoche z.b. kam eines nachmittags kurz vor feierabend eine ältere patientin, gestützt von ihren töchtern und gefolgt von einem ganzen langen schwanz von „verwandtschaft“ zu uns, konnte kaum noch aus den augen gucken, hochfiebernd, völlig geschwächt, blutdruck nicht vorhanden. wir legten sie also sofort in eins unserer 3 betten für schwerkranke und infusionspatienten, kümmerten uns zuerst um einen venösen zugang und senkung des fiebers, versuchten dann alle begleitenden symptome zu eruieren – was wirklich nicht einfach war – diagnostizierten also malaria und behandelten entsprechend mit chloroquin gleich über die infusion. nächster schritt war, die etwa 50 leute aus dem healthpost zu entfernen, die als begleitung mitgekommen waren, um in ruhe arbeiten zu können. nicht einfach … die story war dann, dass die etwa 60jährige frau aus dem direkt uns gegenüberliegenden compound stammte, wo sie schon die beiden vorhergehenden tage fiebernd, erbrechend und mit durchfall gelegen und kaum noch nahrung und flüssigkeit zu sich genommen hatte. das war wochenende, bei uns also keiner da. am montag früh dann reagierte sie nicht mehr auf ansprache, woraufhin die gesamte angehörigenschaft benachrichtigt wurde, dass sie am sterben sei und alle dabei sein müssen. erst als sie stunden später plötzlich kurz die augen öffnete und zu trinken verlangte, kam einem der söhne die idee, im healthpost vorstellig zu werden. unser vorschlag, anschließend an unsere behandlung nach brikama zu fahren, wo sie hätte über nacht aufgenommen werden können, wurde abgelehnt. die zweite chloroquin-injektion, die exakt 6 stunden nach der ersten gegeben werden muß, gaben wir also mit – damit diese um 10 uhr abends in der apotheke des dorfes dann intramuskulär verabreicht werden konnte. ich war sehr skeptisch, ob das auch wirklich klappt – das wurde mir aber von sol versichert. am nächsten morgen war unser erster gang zum nachbargrundstück, um nach der patientin zu sehen – und festzustellen, dass es ihr tatsächlich viel besser ging. also flüssigkeit einflößen lassen, weiter fieber senken wenn nötig und noch für 3 tage chloroquin oral. so ganz langsam kam die frau wieder zu kräften, wir konnten sie in den folgenden tagen wieder auf dem grundstück mit den anderen frauen sitzen sehn. story ist noch nicht zu ende – nach dem feiertag vorige woche wurde sie wieder von der verwandtschaft gebracht, weil sie nach wie vor sehr schwach sei. okay – wir dachten wegen der blassen augenbindehaut an anämie (blutarmut), die ja gerne nach schweren malariafällen mal auftritt. also – nach brikama ins labor und eventuell zur transfusion schicken – dachten wir… und erfuhren daraufhin, dass sie dort am wochenende schon gewesen war. die tochter holte dann die dazugehörigen zettel vom health center, die uns nach mühsamem entziffern mitteilten, dass sie zwar anämisch, aber nicht transfusionspflichtig war und alle anderen werte im limit. verschrieben hatte der arzt ein aufbaupräparat mit eisen, folsäure und vitaminen, das in der apotheke hätte geholt werden müssen. die frage, ob das medikament denn gekauft und verabreicht worden war, konnte keiner der wiederum zahlreich anwesenden angehörigen beantworten. meine schlaue idee, den ganz vernünftig wirkenden ältesten sohn auf arbeit anzurufen und zu fragen, scheiterte in der ausführung daran, dass zwar alle (einschließlich ehefrau des begehrten mannes) telefone mithatten, aber keiner die gewünschte nummer. das schreibt sich jetzt hier alles so schnell, war aber eine angelegenheit von mehreren stunden – unvorstellbar und ausgesprochen nervenaufreibend. was nach vielen telefonaten herauszufinden war : das vom arzt verschriebene war nicht geholt worden, dafür aber eine große dose OVOMALTINE, so ein zwischending zwischen malzkaffee und kakaopulver. auf die frage nach dem WARUM bekamen wir die antwort, dass er gehört hatte, dieses instantgetränk helfe gegen alles … noch fragen ??  wir rüsteten die familie also aus mit vitamin-, eisen- und folsäuretabletten sowei langen erklärungen über das einnahmeregime und konnten uns endlich dem rest der wartenden patienten widmen. ich war nach diesem diskurs vollkommen fertig, durchgeschwitzt und vorübergehend der meinung, ich sei auf dem falschen planeten. nein, hat sol mich beruhigt – ich bin in afrika !!

 

solche geschichten könnte ich noch viele erzählen, sie begegnen mit jeden tag – mehr oder minder ausgeprägt.

 

absoluter problemfall hier – sexuell übertagbare krankheiten. die frauen kommen zu uns mit den typischen symptomen, werden nach WHO-schema antibiotisch behandelt in alle nur erdenklichen richtungen, weil wir ja keine möglichkeiten haben, die verursachenden „tierchen“ oder pilzchen ausfindig zu machen, und kommen dann nach einer woche wieder zur behandlungskontrolle. sol hält allen eine lange aufklärende rede über den übertagungsweg und verordnet sexuelle enthaltsamkeit, bitte immer gleichzeitig darum, den ehemann oder jeweiligen partner am nächsten tag vorbeizuschicken. gesehen habe ich noch keinen einzigen der männer, obwohl wir im durchschnitt eine solche patientin pro tag haben. darüber hinaus haben ja diese männer bis zu 4 ehefrauen und nebenbei noch andere gespielinnen, die alle gefährdet sind – interessiert keinen ! den frauen geht es nach der woche therapie besser, sie werden aber sofort wieder angesteckt – nächste runde… kampf gegen windmühlen, teilweise sehr ernüchternd. ich lerne in dieser beziehung unglaublich viel von sol, er ist sehr engagiert in dieser richtung und hält auch seminare an schulen und im dorf über sexuelle aufklärung.

 

zu diesem thema passt ganz gut, dass ich vorige woche eher unfreiwillig in brikama im health centre beim abholen von medikamenten in die HIV-sprechstunde geraten und dann dort wie gebannt für eine stunde hängengeblieben bin. ein sehr netter und kluger kollege hat mir viel erklärt und empfängt mich nächste woche nochmal einen ganzen tag zur hospitation. spannend und einfach nur erschreckend, dabei schreibt gambia im afrikanische durchschnitt gar nicht mal so schlechte zahlen.

 

vorige woche durfte ich, meinem fachgebiet entsprechend, mal narkosearzt „spielen“. wir hatten einen kleinen, etwa 5jährigen jungen (geburtstag oder –jahr weiß hier keiner so genau) mit einer ganz häßlichen, großflächigen und auch schon 3 tage alten verbrennung der linken hand als patienten, dessen schreie während der wundversorgung ich einfach nicht ertragen habe. es mußte nach der reinigung jede menge totes gewebe entfernt werden, was natürlich fürchterlich wehtut. also – flexüle, ketanest, faustan. hat beide ampullen im ganzen gebraucht, der kleine, ehe er meine – leider nur halbsterile - säuberung und das verbinden über sich ergehen ließ. danach hat er dann unter aufsicht seines vaters in einem der betten ausgeschlafen und ist 4 stunden später mit noch schön verdrehten augen nach hause gewankt. alle mitarbeiter und mitpatienten haben sich köstlich amüsiert ob dieser für hiesige verhältnisse ungewöhnlichen behandlung. bei der gelegenheit habe ich festgestellt, dass wir sehr gut mit allem möglichem material zur wundversorgung ausgestattet sind, leider aber überhaupt kein funktionierendes chirurgisches instrumentarium besitzen – von der möglichkeit der sterilisierung ganz zu schweigen ! die instrumente werden ausgekocht und dann zwischen nicht so ganz saubere tücher gepackt. ein chirurg würde hier verzweifeln. wir haben diese prozedur mit dem jungen noch einmal zum verbandswechsel wiederholt und inzwischen kommt er umtägig und kann ohne narkose verbunden werden. die wunde ist wider erwarten schön sauber und heilt richtig gut. er lächelt mich inzwischen auch an – bin ich bissel stolz drauf …

 

eine große errungenschaft für den healthpost ist eine kleine solaranlage mit zwei paneelen, die – finanziert über heinz‘  NGO – jetzt einen kleinen kühlschrank auf 12-volt-basis betreibt und licht liefern wird für die behandlungszimmer. strom gibt es in manduar nicht - für laborgerät, ekg-schreiben und mikroskop zur malaria-diagnostik muß jedesmal der generator auf dem hof angeschmissen werden .

 

ach, ich könnte endlos weiterschreiben – soviel zu erzählen. aber es ist gleich mitternacht und ich muß morgen früh raus. mehr afrikanische geschichten nächste woche.

 

allen zu hause liebe grüße und danke für jede art von unterstützung für das, was ich hier machen darf. gute nacht.

 

 

 

Sonntag, 17.01.10

 

asche auf mein haupt – ich war kein fleißiger schreiber fürs internet-tagebuch. das hat zwei schwerwiegende gründe – was aber nicht als entschuldigung gelten soll. zum einen sind meine eltern zu besuch, sie fliegen morgen nach 10 tagen in gambia wieder ins kalte deutschland. und zum zweiten habe ich in den vergangenen zwei wochen echt gelitten – unter diesem hartnäckigen trockenen reizhusten, der jede konversation unterbricht und mich nachts nicht schlafen läßt. vor 3 tagen habe ich sogar an nach-hause-fliegen gedacht, weil die hustenattacken mit dem gefühl zu ersticken und brechreiz einhergingen und meine eltern das elend nicht mehr sehen konnten. dann aber kam meinem vater, der ja auch medizinisch „vorgebildet“ ist als anästhesist, die idee, es mit seinen asthma-sprays  zu versuchen – und siehe da, es ist beileibe zwar nicht weg, aber erträglicher. ich werde also die 10 tage noch durchhalten ! immerhin bricht ja morgen meine letzte arbeitswoche in manduar an, ab nächstem wochenende habe ich zusammen mit meinem freund, der mich abholt, noch 5 tage zur freien verfügung im land.

 

im healthpost waren gleichbleibend etwa 35 patienten pro tag zu verzeichnen und nach wie vor sehe ich täglich für mich neue und aufregende dinge. es bleibt dabei, dass ungefähr die hälfte aller fälle malaria-patienten sind – oder besser malaria-verdachtsfälle, denn einwandfrei kann man die diagnose ja nie ausschließen und mit unseren möglichkeiten nur selten beweisen. ich mußte lernen, dass nahezu  jeder afrikanische bürger die frage, ob er fieber habe, mit JA beantwortet, auch wenn er es natürlich nie messen kann. es gibt auch patienten, die behaupten, seit über einem jahr jeden abend fieber zu haben – seufz …  allerdings habe ich diese woche zum ersten mal auch ein ganz eindeutig positives blutausstrichpräparat eines kleinen mädchens gesehen, das laut registrierkarte schon 3mal seit august wegen malaria behandelt worden war. ich wollte auf nummer sicher gehen – kam aber nach dem positiven test nicht umhin, wieder mit chloroquin zu behandeln. was auch auffällig ist – viele leute können mit der frage, ob sie in ihrem leben schonmal malaria hatten und deswegen behandelt worden sind, und ob sich die jetzigen beschwerden wie malaria anfühlen, überhaupt nichts anfangen. sol hat mir erklärt, dass das daran liegt, dass die patienten zwar behandelt werden, aber niemals eine erklärung über ihren zustand erhalten. wie um himmels willen soll man denn da aufklärungsarbeit zur vorbeugung der krankheit leisten … ?!

 

in den letzten 2 wochen habe ich recht viele patienten mit bluthochdruck behandelt. darunter waren sowohl bekannte hypertoniker, die aber nach einer langen medikamentenpause jetzt wieder beschwerden hatten als auch „neue“, die sich mit kopfschmerzen, schwindel und auch druck im brustkorb vorstellten. so kamen an einem tag drei gleichermaßen schwergewichtige damen so um die 60 extra aus brikama, die alle – wahrscheinlich nach dem marsch von mehr als 5 km – so um die 230/130mm hg blutdruck aufzuweisen hatten. da hätte ich auch kopfschmerzen… sie hätten vom „toubab“-doctor in manduar gehört und dass dort die medikamente kostenfrei mit abgegeben würden. ich habe zuallererst zur gewichtsabnahme geraten, was auf völliges unverständnis stieß, und dann allen eine lange rede gehalten (bzw. halten lassen vom übersetzer) über die notwendigkeit der kontinuierlichen medikamenteneinnahme. ich habe dann aus unserem fundus nach bestem wissen und gewissen versucht, eine einstellung vorzunehmen und mir dann im nächsten moment überlegt, was wohl passiert, wenn uns z.b. die ACE-hemmer ausgehen und die damen wiederkommen… ich hoffe sehr, dass über gambia-afrika-hilfe solche speziellen dinge dann besorgt werden können.

 sonst war die arbeit hauptsächlich von ansteckenden krankheiten geprägt – allen voran immer wieder diese teilweise entsetzliche ausmaße annehmenden pilzerkrankungen bei den kindern. kaum ein kopf ohne die verdächtigen weißlichen flecken zwischen den krausen haaren, auch bei denen, die gar nicht deswegen vorgestellt werden. aber auch 2 fälle von krätze mit den typischen befallsmustern zwischen den fingern und dem unglaublichen juckreiz vor allem nachts haben wir gesehen. eine patientin mit syphilis haben wir überwiesen zur behandlung, nicht ohne ihr klargemacht zu haben, dass ehemann, dessen zweite frau und kinder gleich mitgehen sollen zum testen.

 

einen kleine waisenjungen, dessen mutter laut „gerüchten“ im dorf voriges jahr an aids gestorben ist, mußte ich nach brikama in die HIV-sprechstunde mit der bitte um einen HIV-test schicken. er hatte seit über einem jahr rezidivierend pilzinfektionen am ganzen körper und kam jetzt wieder, von der tante vorgestellt – am ganzen körper total verpilzt, kopfhaut, achselhöhlen, leistengegend, mundhöhle bis in den einsehbaren rachenbereich. ganz schrecklich. da pilzinfektionen solchen ausmaßes unbedingt aids-verdächtig sind, muß diese seite der medaille dringend abgeklärt werden. ich schrieb also eine überweisung an den mir inzwischen gut bekannten kollegen in der entsprechenden sprechstunde in brikama mit der bitte um abklärung. zwei tage später standen der kleine patient und seine tante wieder in der tür mit einem kaum leserlichen zettel aus dem brikama health centre, auf dem völlig unzureichende und unsinnige bluttests (hb, leukozyten und malaria-test) und eine noch unverständlichere rezeptierung  dokumentiert waren. bei leicht erniedrigtem hämoglobingehalt, negativem malaria-test und normaler anzahl von weissen blutkörperchen sollten in der apotheke ein antibiotikum und ein anti-malariamittel gekauft werden. zum glück hatten die angehörigen dafür kein geld und kamen deshalb wieder zu uns. erklärung für das alles war, dass dr.sabally, wie der kollege in der aids-clinic heißt, nicht da war und daher die behandlung im outpatients departement erfolgte. dort sitzen vollkommen desinteressierte kubanische ärzte, die in den letzten wochen schon des öfteren mit uns allen unverständlichen medizinischen entscheidungen aufgewartet haben. in bezug auf die pilze war weder etwas verschrieben noch getestet worden… ich bin fast geplatzt vor wut und auch vor frust – weil das ja bedeutet, dass in den fällen, in denen unsere begrenzten möglichkeiten im healthpost nicht ausreichen, die überweisung zur nächsten instanz  ja auch nicht wirklich erfolgversprechend ist für die patienten. das ist so traurig…

 

„operiert“ haben wir auch ne menge – wir mußten mehrfach abszesse spalten, tiefe verbrühungen versorgen und vor 3 tagen einen schon seit 4 jahren im vorderfuß befindlichen großen holzspan, der jetzt beschwerden machte, operativ entfernen. ich habe ja  schon erwähnt, dass sauberes chirurgisches arbeiten eigentlich in manduar nicht wirklich machbar ist. zum einen ist das chirurgische instrumentarium bei meiner ankunft völlig unzureichend gewesen und außerdem gibt es keine möglichkeit der sterilisation von gebrauchten instrumenten. es wird alles nur ausgekocht und dann zwischen halbsauberen tüchern im schrank gelagert. sterile unterlagen oder abdeckungen sind nicht vorhanden, desinfektionsmittel für die haut nur in ganz geringen mengen da. bei „unreinen“ eingriffen wie abszeßspaltungen oder auch den meisten wundversorgungen stellt das nicht das ganz große problem dar, aber als das junge mädchen den span entfernt haben wollte, der ja inzwischen nach der langen zeit tief im bindegewebe eingescheidet und mitnichten infiziert war, kamen mir doch arge bedenken ob der sauberkeit dieses eingriffes. zum glück steht mir für solche überlegungen seit dienstag voriger woche eine deutsche krankenschwester aus würzburg zur seite. barbara hat vor mehreren jahren schon als volontärin in manduar gearbeitet und verbringt jetzt ihren urlaub plus eine unbezahlte auszeit, die ihr die klinik genehmigt hat, hier. sie hat gleich in den ersten beiden tagen nach ihrer ankunft im verbandszimmer das gemacht, was ich bisher nur im behandlungszimmer geschafft hatte – alle schränke und deren inhalt gesichtet, sortiert und in einer sinnvollen ordnung wieder eingeräumt. unseren „mädels“ hat sie alles erklärt und gleich noch wundmanagement-kurs mit angeschlossen, was dringend nötig war – und ist…     mit ihr habe ich mich also beraten, ob wir genügend ausgerüstet sind, um mit gutem gewissen den kleinen eingriff am fuß  der patientin vorzunehmen ohne einen von uns gesetzten abszess zu riskieren. sol hat unsere diskussion nur kopfschüttelnd verfolgt – die deutsche gründlichkeit auf diesem gebiet hat ihn eher belustigt. aber da er an dem tag, der dafür geplant war, frei haben sollte, haben wir uns um seine einwände einfach mal nicht gekümmert… zum glück war mit meinem vater aus deutschland eine große ladung chirurgischer instrumente wie scheren in allen größen, pinzetten, klemmen und nadelhalter gekommen. ich hatte ihn gebeten, im op mal nach ausrangierten sachen zu fragen, die uns hier noch gute dienste leisten können. und so geht ein ganz großes dankeschön an das krankenhaus obergöltzsch im vogtländischen rodewisch, dessen mitarbeiter im op mit begeisterung einen großen berg toller instrumente für manduar zusammengetragen haben ! danke!! darunter waren dann auch genau 3 eingeschweißte, also sterile gerätschaften, die wir für den eingriff verwendet haben. ich habe ganz schön geschwitzt bei der „großen operation“ ( schließlich bin ich anästhesist !), aber das ergebnis kann sich sehen lassen, sogar kosmetisch J

 

eine anekdote noch zum schluß. ein älterer mann aus dem dorf war vorige woche in der sprechstunde, der erst ewig um seine beschwerden herumredete – was ich inzwischen schon (fast!) gewohnt bin. also er hat rücken-und brust- und bauch – und eigentlich überall schmerzen, wann und wie genau konnte er leider nicht beschreiben. bei der untersuchung waren vor allem die rippen rechts bei druckbelastung empfindlich, was mich zu der frage veranlasste, ob er sich dort jemals verletzt habe oder sich in letzter zeit gestoßen habe oder gefallen sei oder, oder, oder… wurde alles verneint und wieder eine lange rede gehalten, an deren ende mir mein übersetzer offenbarte, dass der mann früher in jungen jahren wrestler, also ringer gewesen war. halleluja !! und die schmerzen hat er eigentlich schon immer seitdem. und was er eigentlich fragen wollte – ob wir etwas gegen seine sexuelle schwäche tun könnten oder etwas verschreiben würden bitte. die frage zu verneinen war die eine sache, den patienten dann aber auch wieder loszukriegen eine andere. erst als ich auf einen zettel  VIAGRA  geschrieben und auch noch den wirkstoff rausgesucht hatte, näherten wir uns dem ende der konsultation. dass ich meine zweifel  geäußert habe, ob dieses medikament in gambia überhaupt erhältlich und wenn ja, ob es bezahlbar ist, hat die diskussion nur wieder verlängert, weil er dann gerne eine sendung aus deutschland hätte … mit einer packung ibuprofen gegen die schmerzen ist er dann, sichtlich unzufrieden, abgezogen – ob er erfolgreich war in der apotheke, weiß ich leider nicht… J

 

so, liebe grüße an alle zu hause, die fleißig schnee schippen – hier waren heute 38°c.

bis bald, elisabeth

 

 

 

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