Gambia-Tagebuch von Dr. Ralf Piechotta
An dieser Stelle berichtete Dr. Ralf Piechotta über seine Arbeit in der kleinen Gesundheitsstation von Manduar in Gambia. Hintergrundinformationen zum Projekt finden Sie hier
Samstag, 07.03.2009
Endlich! Der letzte Arbeitstag liegt hinter mir! Noch fünf Tage bis zum Abflug. Die letzten Wochen, seit ich mich für den Einsatz in Gambia gemeldet hatte, waren voll von Arbeit – die Praxisklinik, in der ich als Arzt für Allgemeinmedizin angestellt bin, musste ich auf Vordermann bringen, zahlreiche Not- und Nachtdienste abarbeiten, Vertretungskollegen einarbeiten. Und zwischendurch die wichtigsten Vorbereitungen für die anstehende Reise treffen, wie zum Beispiel, die empfohlenen Impfungen komplettieren, Malaria- und Entwurmungsmittel bestellen, medizinische Literatur und Reiseführer und den internationalen Führerschein besorgen, stets in der Hoffnung, nichts vergessen zu haben. Aber bevor es wirklich losgeht stehen noch drei Tage Fortbildungskongress an, die sich leider nicht mehr verlegen ließen. Zum Glück trägt das alles meine Familie mit, die mich schon in den letzten drei Wochen wenig gesehen hat und nun noch zwei weitere Wochen auf mich verzichten muss.
Dienstag, 10.03.2009
Das Reisefieber ist entfacht! Ich bin noch auf dem Kongress, aber in Gedanken sitze ich schon im Flieger. Was mich wohl erwarten wird? Immerhin ist es mein erster humanitärer Einsatz überhaupt und die letzte Fernreise habe ich zu Studentenzeiten gemacht, lange her also. Zum Glück fühle ich mich durch die Seminare von LandsAid im Vorfeld zumindest theoretisch gut vorbereitet. Und Gambia ist ja nicht Darfur, hoffe ich zumindest. Aber so ein Gefühl, wie auf den Spuren von Albert Schweitzer zu sein, überkommt mich schon. Ich bin schon ganz schön aufgeregt...!
Donnerstag, 12.03.2009
Der Flug nach Banjul, Gambias Hauptstadt, geht über Brüssel. Hier bin ich gerade völlig übernächtigt angekommen nachdem ich schon um sechs Uhr früh in Frankfurt ein-checken musste, das bedeutete um drei Uhr in der Frühe in Kassel aufstehen. Leider hatte unser Baby wohl gespürt, dass ich weg fahren würde und dementsprechend unruhig geschlafen. Somit verkürzte sich die Nachtruhe auf ca. zwei Stunden. Zum Glück kann man die Landeanflüge wegen des Drucks auf den Ohren nicht verschlafen, wer weiß, wo ich sonst erwachen würde. Ich blicke also mit schweren Augenlidern weiteren sieben Stunden Flug entgegen, aber die Spannung will nicht vergehen. Afrika, ich komme.
Zehn Stunden sind seit dem Abflug in Frankfurt vergangen und nun bin endlich ich am Gambia International Airport gelandet. 23° Außentemperatur, dazu ein moderater Passatwind und jede Menge Chaos vor der Passkontrolle und bei der Gepäckabholung, es geht zu wie auf einem Basar. Heinz Bormann, der hier seit 22 Jahren lebt und mit LandsAid zusammen arbeitet holt mich mit seinem alten Diesel-Benz ab. Auf dem Weg zum Auto werde ich umringt von Halbwüchsigen und Kindern, die zahllose Familienmitglieder zu ernähren haben und dafür blanke Euros haben wollen. Mit Freundlichkeit und Bestimmtheit bahnen wir uns den Weg. Ob es an meiner untrügerisch hellen, mehr als winterlich gebleichten Haut liegt, dass nur ich umlagert werde?
Wir fahren zunächst ca. 20km zum neu eröffneten Restaurant von Heinz und seiner Frau Marion, um uns erst einmal zu stärken. Der Weg über die erst 5 Jahre alte Asphaltpiste, welche mit Hilfe der OPEC in weiser Vorraussicht ob etwaiger Ölvorkommen vor der Küste Gambias gebaut worden sein soll, wird begleitet von zahlreichen Einheimischen, die hier häufig den Daumen am Straßenrand hochhaltend einen Lift ersuchen, vorbei an bunten und üppigen Marktständen und ebenso bunt gekleideten Frauen, rechts und links biegen staubige und von rotem Pistensand gekennzeichnete Gassen ab, halbfertige Rohbauten säumen die vom Buschland geprägten Straßenränder. Die Menschen, welche mir an diesem ersten Abend begegnen, wirken allesamt sehr freundlich und aufgeschlossen, von den wichtig wirkenden Polizisten an den einzigen beiden, aber dafür strategisch umso wichtigeren Straßenkreuzungen mal abgesehen. Nach dem leckeren Essen und einem willkommenem Erfrischungsgetränk fahren wir zu HeinzŽ Domizil. Auf dem Weg keine Straßenbeleuchtung, der Beinahe-Vollmond und die Sterne des Orion funkeln uns voraus, ich sinke erschöpft unter das Moskitonetz – endlich schlafen dürfen...
Freitag, 13.03.2009
Heute Morgen haben mich die Hühner schon um kurz nach sechs geweckt. Aufstehen mit Sonnenaufgang, erstmal das umliegende Grundstück erkunden. Hier stehen etwa zwanzig Busse, Transporter und Mercedes, die allesamt von Deutschland überführt wurden, zwischen Palmen und Hühnern versteckt. Heinz organisiert die Rallye Dresden-Dakar-Banjul, die zufällig in den nächsten Tagen hier eintreffen wird. Er ist schon reichlich im Stress wegen der Vorbereitungen für die erwarteten 50 Leute, trotzdem fahren wir am Morgen zusammen mit seinem Kumpel Dirk die Gesundheitsstation in Manduar besuchen, in der ich ab Montag arbeiten soll. Der Weg führt wieder über staubige Pisten ca. 30km nach Süden Richtung senegalesische Grenze. Irgendwo im Niemandsland der trockenen Buschsavanne befindet sich das mauernumgebene Areal der Station. Kinderscharen begrüßen uns überschwänglich vor den Toren. Vor Ort „the gambian nurse“ Souleymann Sambou, genannt Saul, und ein deutscher Famulus, Henning, die hier bestmöglich die Bevölkerung versorgen. Sie freuen sich sehr auf meinen Besuch, der offenbar bereits erwartet wird.
Nach einer kurzen Führung durch die Station, die im wesentlichen aus einem Registrierungs- und Wartesaal sowie daran angeschlossen je zwei Behandlungs- und Versorgungsräumen besteht, geht es fürs Erste bald wieder zurück Ich bin gespannt, was mich erwarten wird.
Montag, 16.03.2009
Nach zwei Tagen des Erkundens der Umgebung beginnt heute mein erster Tag im Manduar Health Post, zu dem ich von den hier Anwesenden freudig begrüßt werde. Zunächst mache ich mich mit der vorhandenen Einrichtung und dem verfügbarem Instrumentarium sowie den Medikamenten vertraut. Ich bin erstaunt, was hier bereits, insbesondere von Seiten der Verbandsmaterialien, durch Spenden zusammen gekommen ist. Hinsichtlich der Ausstattung gleicht der Behandlungsraum somit einer gut geführten kleinchirurgischen Ambulanz. Selbst Einmal-Pinzetten gibt es reichlich. Das stählerne Instrumentarium muss allerdings in kochendem Brunnenwasser sterilisiert werden, die einstmals sterilen Abdecktücher werden von Hand ausgewaschen. Daher wünscht man sich hier sehnlichst einen Steriapparat. Doch dazu benötigt es als Grundvoraussetzung zunächst einmal elektrische Energie, mit der die Station zur Zeit ausgestattet werden soll. Daher sind heute auch die Handwerker zugange und befestigen Steckdosen und verlegen Leitungen über Putz. Zudem werden Löcher in Wände gebohrt und Wasserrohre gezogen, damit in drei Räumen ein Waschbecken für die Versorgung mit fließendem Wasser angebracht werden kann. Demnächst soll dann der Generator laufen, damit auch das Mikroskop und die Brillenschleifmaschine betrieben werden können. Dann wird es auch möglich sein, ein kleines Labor für das Nötigste, wie z.B. einen Malariaschnelltest durchzuführen. Das Generatorhaus und die Brunnenstation mit zwei großen Speichertanks wurden bereits letztes Jahr durch den „Gambia-Afrika-Hilfe e.V.“ fertig gestellt.
Im Sprechzimmer darf ich in einem ledernen Chefsessel hinter dem Schreibtisch Platz nehmen, auf dem sich zahlreiche Medikamentendosen türmen. Daraus werden Pillen in kleine Tütchen verpackt und den Patienten mitgegeben, denn der Gang zur Apotheke ist teuer und erfordert ca. 5km Fußweg. Ich stelle fest, hier sind die wesentlichen Arzneien vorhandenen, die von der WHO empfohlen werden. Anders als bei uns, werden hier häufig Beschwerdekomplexe durch eine breite Abdeckung mit einer Mehrfachkombination an Medikamenten behandelt, da weitergehende Untersuchungsmöglichkeiten entweder nicht vorhanden oder nicht zumutbar sind. Ultraschall und Röntgen können sich die meisten Menschen schlicht nicht leisten, weitergehende Untersuchungen wie z.B. Kernspin gibt es überhaupt nicht, und die Wege sind meist viel zu weit und zu beschwerlich. Daher sind hier auch alle Sinne bei der Untersuchung gefordert, wo man sich zu Hause selbstverständlich und gerne auf die Apparate und umfangreiche Laborwerte verlässt. Die Befragung der Kranken erfolgt mit Hilfe von Saul, der guten Seele vom Health Post, der mir unermüdlich das hier gesprochene Madinka ins Englische übersetzt. Heute sind knapp 30 Patienten erschienen, während der Regenzeit von Mai bis September soll ihre Zahl dann schnell auf das Dreifache steigen.
Am Nachmittag folge ich der Einladung des ortsansässigen Mitarbeiters namens Kebba, seinen Compound, so heißen hier die ummauerten Grundstücke, zu besuchen und bei ihm und seiner Familie zu wohnen, damit ich nicht täglich 30 lange Kilometer pendeln muss. Noch ein wenig von der Heimat geprägt frage ich mich, ob ich dort wohl eine annehmbare Matratze, eine Dusche, ein Klo, fließendes Wasser, Strom, und auch Handyempfang haben werde...
„Boyang Kunda“, der Compound, ist durch eine mannshohe Mauer umgeben, umfasst ca. 50 mal 50 Meter und ist von der Piste her durch ein großes Metalltor gesichert. Von zahlreichen Mangobäumen umgeben, finden sich hufeisenförmig angeordnet die wellblechgedeckten Wohneinheiten zur Straße hin ausgerichtet. Kaum in den Hof der Anlage getreten werde ich schon von zahlreichen Kindern umringt, die sich freuen den Toubab, den „Weißen“ oder „Fremden“, zu begrüßen. Rasch habe ich buchstäblich an jedem Arm und Bein eines der Kinder hängen, die sich auf meinen Schoß drängen und mir begeistert kichernd durch die kurzen blonden Haare und den stoppeligen Bart fahren. Nach und nach werde ich den ca. 25 Familienmitgliedern, inklusive Brüdern und Schwestern von Kebba, der allein 8 Kinder zwischen 3 und 19 Jahren hat, vorgestellt. Gelebt wird hier gemeinsam als Großfamilie, wie es afrikanische Sitte ist, bis zu drei Personen teilen sich eine Schlafstatt. Man versammelt sich im Hof und verweilt gemeinsam auf dem zementierten Podest in seiner Mitte, während die Kinder fröhlich spielen und streiten, Hühner beständig gackern und Ziegen lauthals meckern. Nach Sonnenuntergang wird auf dem Hof „Domoda“, Reis mit Rindfleisch und schmackhafter Erdnusssoße, in zwei großen Aluminiumwannen von den Frauen serviert. Nach Geschlechtern getrennt wird sich drumherum gehockt, gegessen wird mit der rechten Hand, mir wird allerdings ein Löffel gereicht, damit ich bei dem Versuch, mit einer Hand aus Reis und Soße kleine Bällchen zu formen, nicht verhungere. Anschließend wird ein kleines, offenes Feuer entfacht, um der etwas frischen, wunderbar sternenklaren Nacht zu begegnen. Auf Holzkohlenfeuer wird grüner, gesüßter Tee bereitet und in kleinen Gläsern gereicht. Ich muss viel erzählen über Deutschland und wie es so anders ist. Es wird noch eine Weile dauern bis ich mir alle Namen und Gesichter eingeprägt haben werde.
Dann beziehe ich das für mich vorgesehene Quartier. Es besteht aus zwei schlichten Räumen, die mit bunten, sonnengebleichten Tüchern behangen sind. Im Vorderraum gibt es einen wackeligen Holztisch und ein paar Stühle, sowie eine 386er Computeranlage mit 10 Zoll-Monochrommonitor – nur keinen Strom. Im hinteren Raum steht ein 1,8 x 1,4 Meter großes Bett, über dem ich noch ein mitgebrachtes Moskitonetz befestige, sowie ein etwas schiefer, verstaubter Schrank. Nach hinten raus befindet sich ein ebenfalls ummauerter Innenhof, der von einem großen Mangobaum überschattet wird, davon abgetrennt eine kleine Plumsklo-Einheit, die mein nach oben offenes Bad darstellt. Alles wurde frisch gefegt und bestmöglich für mich hergerichtet.
Ich liege auf der Pritsche und höre noch einige Zeit die angeregt plaudernden Stimmen im Hof und das ständige Zirpen der Grillen, dann schlafe ich zufrieden und erschöpft zugleich ein.
Freitag, 20.03.2009
Heute finden sich wieder ähnlich viele Patienten ein. Im Warteraum herrscht bereits großer Andrang, denn alle Menschen wollen pünktlich zum mittäglichen Freitagsgebet nach Hause. Wir müssen daher, ganz unafrikanisch, etwas schneller arbeiten, damit die Klinik bereits um 12:30 Uhr schließen kann. Wir schaffen das mit neun Minuten Verspätung. Bis dahin begegne ich Patienten mit Variationen von Hauterkrankungen, die mir teilweise leider sogar unbekannt sind, doch handelt es sich meist um Pilzinfektionen oder bakterielle Ursachen. Gehäuft kommen auch Menschen mit massiver Zahnfäule, denn gegen die immer beliebter werdenden Softdrinks ist das übliche stundenlange Bekauen von kleinen Zweigenden nicht gewachsen. Deshalb soll auch demnächst ein Programm zur Zahnprophylaxe in unserem Center beginnen, wenn erst einmal ein Arzt für längere Zeit da ist. Des weiteren kommen wieder mehrere Kinder mit Durchfällen und Bauchschmerzen an diesem Vormittag zu uns, denen ich schnell helfen kann.
Dann fahren wir zügig ins Städtchen Brikama, wo Saul in einer kleinen 2-Zimmereinheit wohnt. Er besitzt trotz aller Schlichtheit eine ganze Garnitur altmodischer Plüschsessel und -sofas, was bemerkenswert ist, da sich Möbel hier die Wenigsten leisten können. Während er sich schick macht, schlendere ich durch die lebendigen Staubgassen zum Internet-Cafe, vorbei an den zahlreichen Jugendlichen, die sich hier wieder die Zeit vertreiben und mich mit Handschlag begrüßen: „Hallo, how are you? What`s your name?" Kurz bevor um 14 Uhr das Gebet beginnt, ist plötzlich alles wie ausgestorben, selbst der Wächter ist verschwunden. Ich bin unerwarteter Weise zum ersten Mal völlig allein und kann nun in aller Ruhe meine Elektropost lesen und beantworten. Eine angenehme Sitte, dieses Freitagsgebet.
Später ziehe ich mit Saul durch die engen Marktgassen der Stadt, wo sich die Gerüche von sonnengereiften Fischen, exotischen Gewürzen, axillärem Schweiß und Abfällen gegenseitig überbieten, auf der Suche nach lokalen Spezialitäten, einheimischer Musik und bunten Batikstoffen. Hier muss hart gefeilscht werden, denn anders als bei uns stehen die Preise nicht von vornherein fest und wird durchaus versucht, dem ahnungslosen Toubab ein wenig mehr zu entlocken.
Für den Abend hat Heinz zu einer Feier geladen, die Rallye Dresden-Dakar-Banjul ist eingetroffen, 56 Autos, 120 Personen, 3 Wochen von Dresden über Frankreich, Spanien, Marokko, Mauretanien, Senegal nach Gambia, insgesamt rund 7000km über Berge und durch die Wüste. Alles für einen guten Zweck, denn die Fahrzeuge sollen meistbietend versteigert werden, um verschiedenste Hilfsprojekte wie Kindergärten, Schulen oder unsere Gesundheitsstation zu finanzieren. Zudem haben die meisten Teams jede Menge schulische und medizinische Hilfsgüter mitgebracht, die in Deutschland von Krankenhäusern, Apotheken und Privatpersonen gestiftet wurden. Übermorgen soll die Versteigerung der Autos stattfinden. Heute wird es noch ein langer gemeinsamer, interessanter Abend.
Samstag, 21.03.2009
Am Morgen formiert sich eine lange Kolonne der meisten Fahrzeuge, um exemplarisch zwei der Hilfsprojekte in Augenschein zu nehmen, eine Schule und ihren angehenden Neubau, sowie unser Health-Post im Süden. Haben sich die Schüler des einen Dorfes bereits artig aufgereiht und einstudierte Lieder gesungen, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen, so erwartet uns in Manduar ein überwältigender Menschenauflauf. Insgesamt vier Schul- und Vorschulklassen in Uniform sowie zahlreiche Dorfbewohner säumen die staubigen Gassen, den Fahrzeugtross zu empfangen und mit lautem Gesang und Getrommel ihre Begeisterung und Dankbarkeit zu beweisen. Der Rat der Ältesten der Männer und der Frauen und der Alkalo sind erschienen. Wir erhalten nun das offizielle Statement der vereinigten Dorfgemeinschaft, dass ein Ausbau des Gesundheitspostens zur Krankenstation mit Geburtshilfe und ständiger ärztlicher Besetzung ausdrücklich gewünscht und unterstützt wird. Jedermann im Dorfe sei dafür und alle seien zutiefst dankbar, wie mir immer wieder versichert wird. Nun stehen wir also in der Pflicht, dass das Projekt auch wirklich gelingt. Die umwerfende Anzahl an Spendenmaterialien lässt da hoffen: In den Behandlungsräumen türmen sich die Kartons und Kisten. Man hat es sehr gut gemeint mit uns, wir werden einiges zu tun haben dieser Tage, um die Materialien zu sichten und zu entscheiden, was evtl. an die Spezialabteilungen des Spitals in Banjul abgegeben werden muss. Ich soll noch eine Ansprache vor den vielen Versammelten halten, welche mir nicht nur aufgrund der Hitze den Schweiß auf die Stirn treibt, und hoffe, dabei einigermaßen verständlich vermittelt zu haben, welche Ziele und Pläne hier verwirklicht werden sollen.
Sonntag, 22.03.2009
Die lange, bunte Fahrzeugkolonne setzt sich am Morgen in Richtung des von den Chinesen gestifteten „Stadions der Unabhängigkeit" in Bewegung. Dort erwartet sie bereits eine erlesene Zahl wohlbetuchter Gambianer und nach vorbildlicher Aufstellung beginnt ein reger Austausch bezüglich der Fahrzeugdetails über den geöffneten Hauben und bei wabernden Abgaswolken der laufenden Motoren. Flink werden zwei Tische, mehrere Stühle und zwei Sonnenschirme für das Auktionskomitee aufgestellt, dann beginnt die Instruktion der Anwesenden, Spaßbieter werden hier mit Gefängnis bestraft! Eine Mutter lässt sich in unmittelbarer Nähe mit ihren Kindern und einem Tablett voll köstlicher Orangen und Softdrinks nieder, um uns in der drückenden Hitze zu laben. Dann geht es los, über das Megafon werden die Karossen lautstark feil geboten. An diesem Tag werden rund 70-tausend Euro zugunsten der Hilfsprojekte erlöst. Wenn auch nur ein Teil davon unserem Health-Post zukommt, und darüber entscheidet jedes Team selbst, wen sie unterstützen möchten, dann steht der baulichen Karriere zur funktionsfähigen Klinik nichts mehr im Wege.
Montag, 23.03.2009
Heute erscheinen wieder viele Patienten mit typischen Symptomen wie allgemeinem Körperschmerz, Kopf- und Gliederschmerzen, Bauchschmerzen, Fieber, Abgeschlagenheit, Übelkeit, Durchfall, Haut-, Haar- und Genitalinfektionen. Der Mann mit den letzte Woche noch furchtbar infizierten Füßen macht bereits deutliche Fortschritte. Ein junges Mädchen, das sich in der vergangenen Woche mit vaginalem Ausfluss vorstellte, ist auf dem Wege der Besserung, weshalb wir die Medikamententherapie noch einmal verlängern. Dem älteren Herren mit Bluthochdruck konnte offenbar mit der Kombination zweier Substanzen effizient geholfen werden. Die Frau mit Verdacht auf ein Magengeschwür zeigt deutliche Beschwerdelinderung nach einer auf hiesige Verhältnisse angepasste Antibiotikatherapie. Ich sehe ein schwerst krankes, schlaffes und apathisches Kleinkind mit übermäßigem Speichelfluss, bei dem ich in Deutschland umgehend den Notarzt angefordert hätte, denn auch wenn ich die genaue Ursache nicht klären kann, soviel ist sicher, dass eine dringliche Krankenhausbehandlung erforderlich ist. Die Mutter muss sich nun auf den langen, weiten Weg mit dem Buschtaxi in die Hauptstadt machen, was sie stoisch ohne Murren annimmt. Ein kleiner Junge zeigt eine tage alte Verbrennung von ca. 20% des rechten Beines. Er hatte einen Kessel kochendes Wasser von der Feuerstelle herunter gezogen. Es wird Zeit, endlich mit seiner Behandlung zu beginnen.
Am Nachmittag machen wir uns daran, die Spendenkisten zu durchforsten. Sogar ein EKG-Gerät und ein Herztonschreiber für unsere geburtshilfliche Station, die nächsten Sommer fertig werden soll, sind dabei, was unsere Herzen vor Begeisterung höher schlagen lässt. Zudem erhalten wir reichlich Verbandsmaterial, Antibiotika und sehnsüchtig erwartete Desinfektionslösungen und -salben zur Wundbehandlung. Aber auch etliche Kuscheltiere sind dabei, mit denen hier gerne mangels Bezug im Sand Fußball gespielt wird, sowie Altkleider, die hier gerne auf dem Markt umgesetzt werden, da, wer kann, sich stolzerweise besser kleidet. Aber dem geschenkten Gaul.... Wir beschließen daher, demnächst Listen zu veröffentlichen mit einer konkreten Aufstellung des Notwendigen, um die gut gemeinte Hilfe besser zu fokussieren.
Gegen Abend schlendere ich durch unser Dorf vorbei an zahlreichen „Toubab! Toubab!" rufenden Kindern zu Kebba's Grundstück, welches ein wenig entfernt im Busch liegt und an Größe ungefähr zwei Fußballfelder umfasst. Damit gehört er bereits zu den wohlhabenderen Bewohnern des Dorfes, was er seiner geregelten Arbeitstätigkeit im Staatsdienst verdankt. Er hat viel Geld angespart und hier investiert, um sich seinen Traum zu erfüllen, in 3 Jahren mit 50 in Rente gehen zu können und sich dann nur noch als Farmer zu betätigen. Angemerkt sei, dass die allgemeine Lebenserwartung hier nur rund 55 Jahre beträgt. Dank dreier Brunnenstationen, bei denen das Wasser über an langen Seilen hängenden Eimern aus 12 Metern Tiefe von Hand geschöpft werden muss, ist das Gelände sehr fruchtbar. Zur Zeit gibt es zwar überwiegend nur Tomaten, aber bald ist die Zeit der Mangos, Cashewnüsse, Auberginen, Okraschoten, Bohnen, Bananen, Orangen und vielem mehr gekommen.
Dienstag, 24.03.2009
Heute erwarten wir das Münchener Filmteam, welches auch die Rallye begleitet hat und nun seine Dokumentation über Hilfsprojekte in Gambia bei uns in der Gesundheitsstation fortsetzen möchte. Alle Mitarbeiter haben neue Arbeitskleidung angelegt, jeder will sich von seiner besten Seite zeigen. Auch die Patienten haben keinerlei Einwände gegen die Dreharbeiten. Anschließend spazieren wir durch das Dorf zu Kebba's Wohnanlage, wo Eindrücke vom realen afrikanischen Familienleben gesammelt werden: von der durch Holzfeuer verrauchten Kammer, in der die Frauen die Mahlzeiten in kohlrabenschwarzen Kesseln zubereiten, von der Frau, die mit dem gusseisernen Holzkohlenbügeleisen aus vergangenen Zeiten die handgeschrubbten Wäschehaufen bügelt, damit die Eier der Mangofliegen abgetötet werden, welche sonst unter der Haut des Trägers zu Larven heranwachsen würden, von den kargen, engen, dunklen Schlafräumen für durchschnittlich 4 Personen, und von den vergleichsweise geräumigen zwei Zimmern, die man für mich hergerichtet hat. Alles wird bereitwillig offenbart. Danach geht zu dem eilig einberufenen Rat der Ältesten der Frauen und Männer im Hause des Alkalo, des Oberhauptes der Gemeinschaft. Man erwartet uns bereits freudig, denn man ist begeistert, dass nun auch noch ein deutsches Filmteam dem Dorf die Ehre gibt. So will denn auch ein jeder der Anwesenden einen ausführlichen Wortbeitrag leisten. Plötzlich wird jedoch die Zeremonie jäh unterbrochen. Alle springen laut schreiend und wild gestikulierend auf und rennen aufgeregt zur Straße. Eine Horde schreiender und heulender Kinder stürmt heran. Sie haben beim Spielen ein Bienennest aufgestöbert und sind alle mehrfach zerstochen worden. Wir müssen also zurück zur Krankenstation, es gibt Arbeit.
Später spaziere ich durch das Dorf Richtung Kebba's Garten, begleitet von zwei kleinen Buben, die mich in ihr Herz geschlossen haben und nicht von meiner Hand weichen wollen. Wir holen einen Eimer Wasser nach dem anderen aus dem Brunnen, um die Tomaten und Bananenstauden vor dem Verdursten zu bewahren – eine sehr schweißtreibende Angelegenheit. Wir sprechen offen über gesellschaftliche Themen und Politik, Kebba hört ständig BBC-Nachrichten und ist bestens informiert, sowie über persönliche Wünsche und Träume. Eine Bewässerungsanlage mit Solarstromantrieb zur Erleichterung der harten Feldarbeit und Verbesserung der Ernte wäre sein größter Wunsch. Der schlägt jedoch mit 150000 Dalasi, entsprechend knapp 5000 Euro zu buche. Ein Bankdarlehen wäre in der Zeit bis zur geplanten Pension nicht zurück zahlbar, ein Dasein als Farmer später im Alter jedoch nicht mehr möglich.
Mein letztes Abendmahl in Manduar ist gekommen, morgen ist schon mein Abreisetag. Wir hocken wieder gemeinsam um die Reisschüsseln im Hof, es gibt Reis mit Fisch-Palmfrucht-Tomatensoße. Ich werde es vermissen, wie ich auch meine „african family" vermissen werde und, den vielfachen Beteuerungen nach zu urteilen, sie mich auch. Ich müsse unbedingt wiederkommen mit Familie und Kindern und selbstverständlich würden wir alle in Bojang Kunda leben. Ich sage Abaraka baki – vielen Dank!
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