Kenia-Tagebuch von Rebekka Bodemer
Die Krankenschwester Rebekka Bodemer arbeitete im Mai 2008 für LandsAid in Kisumu, Kenia. Sie übernahm von Katja Becker ab dem 11.5.2008 das Tagebuch, in dem sie über ihre Erfahrungen berichtet:
Sonntag 11.05.2008
Heute ist unser freier Tag. Und nach einem ausgiebigen Fruehstueck nuetzen wir die Zeit um mal unsere Medikamenten- und Behandlungskisten zu sortieren und aufzufuellen und Statistiken zu fuehren.
Ausserdem durften wir heute unseren neuen Herr Doktor willkommen heissen! Wolfgang, schoen dass du da bist! Karibu Kenya!
Ca. eine stunde nachdem Wolfgang ankam, hiess es aber auch Abschied nehmen: Karin flog wieder zurueck nach Deutschland!
Montag 12.05.2008
Fahrt nach Kaplomboi, ein kleines Dorf mitten im Nirgendwo.
Schon die fahrt dorthin war ein erlebnis fuer sich: wir haben uns ja schon an schlechte Strassen (bzw. eine Aneinanderreihung von Schlagloechern) in kenia gewoehnt, aber hier wurde auch die schlechteste Strasse von Kisumu noch uebertroffen. Z.T. waren es nur kleine Feldwege oder Wege, die nur aus Geroell oder Felsen bestand.
In Kaplomboi wurden wir dann sehr herzlich von 3 Nonnen willkommen geheissen, die hier eine kleinen Schule und ein health centre betreiben.
Sie stellten uns dann auch gleich noch ein paar ihrer Patienten vor, bei denen sie einfach mit ihrer Weisheit am ende waren:
ein 14jaehriger, der stark hustet und seit 6 Jahren(!) fast kein essen bei sich behalten kann und entsprechend unterernaehrt ist. (Er sah aus wie ein 7jaehriger.) Wir untersuchten ihn, konnten aber auch nur verschiedene Verdachtsdiagnosen stellen und raten, ihn zu weiterer Diagnostik in eine Klinik zu ueberweisen.
Ob die familie dafuer wohl das Geld auftreiben kann???
Ausserdem zeigten sie uns einen anderen Jungen, fuenf Jahre alt, der neurologisch auffaellig war.
Er spricht nur, wenn er mit anderen kindern zusammen ist und seit einer woche hat er eine sehr unsichere Gangart und bewegt sich allgemein neurologisch sehr auffaellig.
Auch bei diesem Kind konnten wir nichts machen als auf weitere Diaognostische Untersuchungen zu verweisen.
Manchmal wuenschen wir uns einfach, ein paar mehr Untersuchungsmittel hier zur verfuehgung zu haben. Wie einfach ist doch manche Diagnostik in Deutschland (z.B. Roentgen)...
Dienstag 13.05.2008
Heute fuhren wir zu einem Health centre Naehe Kaplomboi um dort IDPs (internal displaced people) zubehandeln.
Waehrend den politischen Schwierigkeiten war diese region einer der Brennpunkte, weil es ein Grenzgebiet von 3 verschiedenen Staemmen ist.
Wir behandelten 170 (!) Patienten, die fast alle Vertriebene waren und traumatisiert auf die letzten Monate zurueck schauten.
Die meisten hatten auch entsprechende Krankheitsbilder: Tinitus, Kopfschmerzen, Albtraeume, Schlafstoerungen, ...
Ausser nur Schmerztabletten auszugeben, konnten wir oft einfach nur ihrer Geschichte kurz zuhoeren und ihnen einfach etwas Aufmerksamkeit geben.
Mit grosser Dankbarkeit verabschiedeten sich die Leute dann von uns.
Und es war schoen, auf manchem Gesicht wenigstens kurz ein Laecheln sehen zu konnten.
Samstag 17.05.2008
...Und wieder haben wir eine Klinik unter dem Feigenbaum.
Das letzte Team war hier auch schon mal und es war interesant zumindest Teilweise den Verlauf von Krankheiten zu sehen.
Leider konnten wir wieder einmal nicht alle Patienten behandeln und obwohl wir 170 Personen behandelt hatten, mussten wir am abend ca. 50 wegschicken. Aber vorraussichtlich koennen wir naechste woche nocheinmal hierher kommen.
Wegen der Regenzeit gibt es zur Zeit sehr viele Atemwegserkrankungen unter denen vor allem viele Kinder leiden.
Zum Beispiel brachte eine Mutter ihr 6 Monate altes Kind, das fast 40 Grad Fieber (!) hatte und schon voll ausgetrocknet war. Milliliterweise floessten wir dem Baby Wasser ein und mit Paracetamol sank das Fieber dann nach 2 Stunden.
Ich weiss nicht, was die Mutter gemacht haette, wenn wir nicht gerade heute bei ihr im Dorf gewesen waeren.
Liebe Gruesse von dem Kisumu-team (Kathy, Michaele, Wolfgang und Rebekka)
Montag 19.05.2008
da waren's nur noch drei ...
Nachdem Kathy schon 5 mal das Datum verschoben hat, hat sie uns heute endlich verlassen :o).
Sie wird in Kaplomboi in einem anderen medizinischen Projekt mitarbeiten. Schade, dass du weg bist, Kathy. Hab viel Spass in Kaplomboi.
Ein ganz normaler Arbeitstag?!?
Am Stadtrand von Kisumu bahandelten wir wieder eine ganze Menge patienten und es gab Anfangs keine besonderen Faelle. (Bronchitis, Rheuma, Erkaeltungen, Hautkrankheiten,...) Morgens witzelten wir noch ueber Geburtshilfe und dann aber -keine 2 stunden spaeter- stand wirklich eine Frau mit Wehen vor uns. Nach ein paar Fragen stellte sich aber heraus, dass sie erst im 7. Monat ist und entbindungstermin erst im August sein sollte.
Deswegen entschieden wir uns dann die Frau ins Krankenhaus zu bringen. Ein Kind das im siebten Monat geboren wird, ist schon in Deutschland schwer durchzubringen und hier in Afrika, irgendwo in der Pampa, sind wir ja dann dafuer schon gar nicht ausgestattet.
Mal schauen, was uns in den naechsten tagen noch so an ganz normalen Tagen erwartet.
Liebe Gruesse von dem Kisumuteam.
Mittwoch, 21. Mai 2008
heute sind wir auf dem Gelaende einer Grundschule und bauen unsere Apoteken- und Behandlungstische unter einem Baum in einer Ecke des Schulhof bzw. Sportplatzes auf (eigentlich besteht der Schulhof nur aus einer grossen Wiese auf der in einer Ecke ein Metallring als Basketballkorb an einem Holzpfosten haengt).
Wir werden schon von vielen Patienten erwartet. Obwohl viele sehr kranke Kinder warten, draengeln sich einige gutgekleidete und wohlgenaehrte Lehrer vor um sich Medikamnete gegen Kopf- oder Rueckenschmerzen zu holen. "Sie koennten nicht warten, weil sie ja gleich wieder unterrichten muessen."
Damit wir endlich mit den "richtigen" Patienten anfangen koennen, geben wir ihnen eben ein oder zwei Tabletten, denn eine Diskussion mit ihnen haette eh keinen Sinn -es ist ja "ihre" Schule.
Mein erster Patient ist dann ein 2jaehriges Kind mit 40 Grad Fieber! Ich erschrecke doch immer wieder, wenn das Thermometer 40,2 Grad anzeigt, waehrend die Mutter ganz gelassen daneben sitzt. (Die meisten hier besitzen kein Thermometer und koennen wohl auch mit der Temperaturangabe "40,2 Grad" nicht viel anfangen.) Nach zweimaliger Paracetamol-Gabe sinkt das Fieber dann endlich und das Kind wirkt nicht mehr ganz so apatisch.
Und wiedermal frag ich mich, wie lange die Mutter noch gewartet haette um mit ihrer Tochter zu einem Arzt zu gehen, wenn wir nicht zufaellig heute in die Naehe ihrer Huette gekommen waeren.
Oft wird uns auch bewusst, dass es hier einfach an dem noetigsten fehlt: schon Wasser und Seife ist nicht selbstverstaendlich. Viele Kinder haben starke hautinfektionen, die mit regelmaessiger Reinigung und Hautpflege sicher zu vermeiden waeren.
Am Ende unseres Arbeitstages muessen wir uns dann von Michaela verabschieden.
Ich hoffe du hast dich wieder gut in Deutschland eingelebt.
Freitag 23. Mai 2008
Heute sind wir in einem Slumgebiet von Kisumu.
Viele sind sehr aermlich gekleidet und koennen sich eine arztliche Versorgung dann schon gar nicht leisten. Gut, dass wir kostenlos medikamnte ausgeben koennen.
Z.B. hatte sich ein Mann vor einer Woche bei der Arbeit eine tiefe Wunde zugezogen, die er dann (irgendwo) naehen lies. Leider hatte er aber nicht das Geld um sich zusaetzlich noch ein Antibiotika zu kaufen. So infizierte sich die Wunde stark und er kam mit einem grossen Abszess am Unterarm zu uns.
Da konnten wir schon mit wenigen Mitteln helfen und durch das Antibiotika wird es sicher in einigen Tagen seinen Arm wieder einsetzen koennen.
Aber wir haben auch unsere Grenzen: ein 6 Monate altes Baby hatte seit 3 Tagen keine Nahrung mehr bei sich behalten und auch die Medikamnte die wir ihm geben wollten, erbrach es wieder.
So entschieden wir uns, sie in das naechste Krankenhaus zu ueberweisen. Da haben sie einfach bessere Mittel zur Verfuehgung.
Samstag 24. Mai 2008
Irgendwie verfliegen die Tage hier und wir ueberlegen ja manchmal, ob ein Tag hier in Kenia vielleicht nur 22 Stunden hat -anstatt 24. :o)
Heute mussten wir uns wieder von Wolfgang verabschieden und seine Zeit hier ist schon wieder um. Hab eine gute Rueckreise nach Deutschland.
Wegen einem kommunikationsproblem mit unserer lokalen Partnerorganisation behandeln wir heute keine Patienten.
Aber man lernt hier ja flexibel zu sein -nach verschiedenen Autopannen (z.B. wegen einem leeren Tank) und anderen Greunden fuer Planaenderungen nehmen wir sowas gelassen.
Aber da bleibt dann endlich mal wieder Zeit um die Medikamnte zu sortieren, die Arztkiste aufzuraeumen und verschiedenen Schreibkram (z.B. Statistiken) zu machen. Solche Arbeit bleibt sonst oft liegen.
Liebe Gruesse aus Kisumu,
eure Rebekka, (zur Zeit die einzige "Mzungu" [="Weisse"] hier im Team)
Montag 26.05.2008
Heute kamen zwei neue Mzungus an: Rolf und Christin. Herzlich Willkommen!!!
Da unser Projekt hier diese Woche endet ist nun die Frage, wie/ ob ein weiteres Projekt folgen wird. Um diese Frage zu beurteilen ist Rolf hier. ("Apotheker ohne Grenzen" wuerden gerne ein Anschlussprojekt - mit etwas anderer Zielrichtnung- weiterfuehren.)
Ohne ihnen eine grosse Pause zu goennen, nahmen wir sie gleich kurz nach ihrer Ankunft mit zu den Patienten.
Wieder einmal die "Klinik unter dem Feigenbaum". Es ist gut hier immer wieder mal zu sein und so zumnindest etwas einen Verlauf von Krankheiten mitzubekommen.
Gegen Ende unseres Arbeitstages kamen dann noch jede Menge Schueler nach Schulschluss bei uns vorbei. Die meisten waren aber eigentlich gesund und waren nur neugierig, was die "weissen Aerzte" wohl so machen, ausserdem war es ihnen langweilig.
Anstatt ihnen dann (unnoetige) Medikamente auszugeben machten wir noch ein paar Spielchen mit ihnen bevor wir nach Hause fuhren.
Dienstag 27.05.2008
da unsere lokale Partnerorganisation wieder einmal "vergessen" hat in deim Dorf beschied zu geben dass wir kommen, dauerte es anfangs eine Weile bis Patienten kamen.
Nach ca eine Stunde funktionierten die Buschtrommeln dann aber ganz gut und gegen Ende des tages hatten wir wieder mal ueber 150 Patienten behandelt.
Neben den normalen Krankheiten (Broinchitis, Hauterkrankungen,...) kam auch ein Maedchen (15 Jahre alt), dass offensichtlich koerperlich und emotional missbraucht war. Neben den Malen an den Handgelenken (die evtl. von Fesseln stammen) war sie auch emotional ganz "zerbrochen".
Um weiter, nicht gleich sichtbare Verletzungen auszuschliessen und es offiziel dokumnetieren zu lassen ueberwiesen wir sie in das staedische Krankenhaus.
Ein anderer Fall dagegen war eher lustig: ein Junge kam mit einer Schulterfehlstellung. "Er sei vor 2 Tagen hingefallen." Wir dachten schon an verschiedenste Diagnosen (Schluesselbeinbruch, Schulterluxation,...) und ueberlegten was wir hier "im Busch" denn dagegen machen koennten. Das einzig komische war nur, dass der Junge nur maessige Schmerzen hatte. ...
Als wir dann nochmal genauer nachfragten, erzaehlte er uns, dass er diese Schulterfehlstellung schon seit Geburt hat!!! ...das haette er doch gleich sagen koennen.
liebe Grusse aus Kisumu,
Rebekka
Mittwoch, 28. Mai 2008
Um evtl. auch dort ein Projekt weiter zu führen, fuhren heute Peter, Rolf und Christin nach Kaplomboi und schauten sich dort die Krankenstation und die Schule an.
LandsAid wird das Projekt hier in Kisumu abschließen, während 'Apotheker ohne Grenzen' aber ein Projekt anschließen möchte. Dabei wird es aber vorraussichtlich mehr um Schulung zum Thema Krankheitsprävention gehen, als um medizinische Behandlungen.
Wir anderen arbeiteten solange wieder in einem Dorf außerhalb Kisumus.
Donnerstag, 29. Mai 2008
Unser letzter Arbeitstag!
Wir überquerten den Äquator und fuhren zu einem Dorf nördlich von Kisumu.
Wir arbeiteten aber nur einen halben Tag, weil es zum Abschluss des Projektes noch eine ganze Menge Arbeit zu tun gab: Statistiken schreiben, Arztkiste sortieren (Was bleibt hier? Was nehmen wir mitzurück nach Deutschland?) Medikamentenlisten schreiben, Abrechnungen, ...
Um dem Projekt noch einen schönen Abschluss zu geben, gingen wir alle (incl. der Kenianischen Mitarbeiter) noch einmal zusammen Essen um so auch den Kenianern "Danke" bzw. "asante sana!" zu sagen.
Und mit einer herzlichen Einladung wiedermal nach Kenia zu kommen, verabschiedeten sie sich dann abends von uns!
Dienstag, 3. Juni 2008
morgens - halb zehn - in Deutschland...
Ich sitze wieder an meinem Arbeitsplatz. Die meisten meiner Kollegen waren überrascht, dass die 4 Wochen schon um waren und ich schon wieder arbeite.
Für mich ist die Keniazeit aber auch nur so dahin geflogen und es ist schwer vorstellbar, dass ich noch vor 5 Tagen neben einer Lehmhütte Mitten in Afika stand, Wunden verband oder Malaria- Medikamente verschrieb.
Während ich hier mit Freunden oder Kollegen über die Zeit dort spreche, kommt immer wieder die Frage "Hatte es wirklich einen Sinn dort zu arbeiten?" oder "War das ganze nicht nur ein 'Tropfen auf den heissen Stein'?"
Wenn ich über diese Frage nachdenke, kommen mir Bilder von Kindern in den Kopf, die mit über 40°C Fieber zu uns gebracht wurden; oder die ausgemergelten, geschwächten Körper der Kinder, die seit 2 Wochen Durchfall und Erbrechen haben, ...
Schon mit ganz einfachen Mitteln und Medikamenten konnten wir ihnen ihre Situation erleichtern. Wenn wir so ein Kind vor uns liegen hatten, haben wir uns nicht gefragt, ob es nur ein Tropfen auf dem heissen Stein ist. Wir wusste einfach, dass es richtig ist, hier zu sein.
Wir freuten uns, wenn wir sehen konnten, dass das Fieber sank, oder ein Glas mit Rehydratationslösung nicht gleich wieder erbrochen wurde. Wir freuten uns an dem Lächeln der Kinder und an der Dankbarkeit ihrer Mütter!
...ja, vielleicht war unsere Arbeit im Ganzen gesehen nur ein kleiner Tropfen, wenn man bedenkt, wieviel man hier noch tun könnte...
Aber die Personen, die wir behandelten, fragten sich nie, "ob es sich lohnt". Sie freuten sich einfach über die Hilfe, die aus Deutschland kam und nahmen sie dankbar an.
Für jeden einzelnen von Ihnen hat es sich gelohnt!
...und jeder einzelne 'Tropfen auf den heissen Stein' veränderte das Leben der Menschen dort ein kleinwenig zum Besseren.










