Haiti-Tagebuch von Dr. Reiko Tacke und Tina Giffels

Am Sonntag, den 24. Januar 2010, starteten die Hebamme Tina Giffels und der Notfallmediziner Dr. Reiko Tacke mit einer Frachtmaschine vom Nürnberger Flughafen in Richtung Haiti. Sie stießen dort zu dem medizinischen Team, mit dem Hans Musswessels bereits seit einigen Tagen in Port-au-Prince tätig war. Dank Internet-Tagebuch können Sie direkt an Ihren Erfahrungen teilhaben.

 

Projektinformationen finden Sie hier

 

 

 

Sonntag, 24. Januar 2010

 

Ihr Lieben,

 

seit 4 Stunden sind wir in Gander, Neufundlandund es pfeift uns ein eisiger Wind um die Ohren (kein Wunder ham die Neufundländer-Hunde so dickes Fell). Wir sind so glücklich über unsere warmen LandsAid-Westen! Waren wir doch auf sofortige Karibik-Temperaturen eingestellt...

 

Der Flug war aufgrund der Lautstärke (ähnlich einer gerade einfahrenden U-Bahn) wenig kommunikativ, wir haben die Zeit genutzt, um die Unterlagen durchzusehen, zu schlafen und Französisch-Vokabeln zu lernen. Dank der netten Heli-Piloten hatten wir gute Kopfhörer und unser Kopf brummt nicht allzu schlimm...

 

Unser Hotel muss man sich so vorstellen: Würden wir „Fargo 2“ drehen, dann unbedingt hier und in unserem schicken Flachdach-Sozialismus-Hotel...Alles passt ganz gut zusammen: Die russische Iljushin mit ihrem ganz eigenen Charm des kalten Krieges, die Art zu reisen, die endlose flache schneebedeckte Landschaft...(im Ernst: Die Landschaft ist beeindruckend und unbedingt ein Wiederkommen wert ),

jedoch irgendwann später...

 

Jetzt nach einer kurzen Erkundungstour durch Gander, haben wir die Fotos hochgeladen, uns mit dem PC vertraut gemacht und viel erzählt. Wir sind schon ein gutes Team, wenn man davon schon sprechen kann, und freuen uns auf ein baldiges Abendessen. Sind hundemüde. 6 Uhr heute morgen war doch früh und die Reise aufregend.

 

Wir senden euch allen ganz liebe Grüße und melden uns morgen Abend wieder,

 

Reiko und Tina

 

 

Montag, 25. Januar 2010

 

 

5.00 Wecken, 5.10 Nachricht vom russischen Piloten, daß Abflug auf 9.30 verschoben ist. Zwischenaufenthalt im Bett, dann erneutes Warten, nach 2h Launge dann kein Slot für Landung in Domrep heute, somit Rückkehr in bereits ausgecheckte Zimmer. Haben Zeit für e-mails genutzt, auch erste Gedanken zur Verteilung von 9t Babynahrung, die am Freitag in der Domrep für Port-au-Prince eintreffen.

Krankenhaus auf google earth gefunden, auch die anderen Krankenhäuser in PAP auf Karte festgehalten. Rest des Tages mit dem Kennenlernen kanadischer Banken verbracht, um unsere Euro in Dollar zu tauschen, insgesamt schwieriger als wir dachten, da die Dollarvorräte zu gering waren. Der Hinweis auf Haiti brachte uns einen Sonderbonus und das eine oder andere Dollarbündel doch noch hervor und letztendlich ist alles getauscht. Viele gute Wünsche für Haiti begleiten uns von den Bankangestellten von Gander.

Durchgefroren im Hotel zurück dann die neue Abflugzeit 2.30 in der Nacht, d.h. 1.15 Taxi zum Airport, wo die Standheizung der Iljuschin hoffentlich schon etwas vorgearbeitet hat, um uns danach unserem Ziel Haiti näher zu bringen. Vielleicht sieht uns der Abend dann schon in Port -au -Prince...

 

 

Dienstag, 26. Januar 2010 

 

Ein weiterer aufregender Tag liegt hinter uns. Nachdem unsere Abflugzeit mehrmals hin und her geschoben wurde, sind wir letztendlich um 2.30 Uhr heute nacht von Neufundland aus in die Dominikanische Republik geflogen. Hubschrauber und Hilfsgüter waren trotz der Eiseskälte beim Eintreffen in unserer Ilyushin wohl auf.

Schlaf haben wir mal wieder wenig abbekommen, die kurzen Nächte und die Zeitverschiebung macht uns doch ein wenig zu schaffen.

In Santo Domingo wurden wir von Nicola und Kathrin abgeholt, beide Volunteers bei „Nuestros pequenos hermanos“. Sie sind diejenigen, die den Transport von hier nach Port-au-Prince organisiert haben,der auch uns heil nach PaP bringen soll.

An Bord Medikamente, Wasser, medizinisches Personal wie uns beide und heute in einem „unserer“ LKWs auch ein Kühlschrank, der in das Kinderhospital St. Damien gebracht werden soll, in dem auch wir bereits erwartet werden.

Haiti rückt nun also ganz nahe und wir sind jetzt froh wenn wir bald vor Ort sind. Wir ahnen bereits jetzt, dass die Zeit fliegt und wir wollen sie so gut wie möglich nutzen.

Wie wir hier sehen, laufen die Bemühungen, Haiti langfristig zu helfen auf Hochtouren, die Telefone, skype und der PC stehen nicht still, selbst in den Supermärkten, so hat man uns erzählt, merkt man, dass auch viele Lebensmittel von hier nach Haiti gebracht werden.

Wir melden uns wieder, sobald wir vor Ort sind, mit Hans die wichtigsten Neuigkeiten besprochen und eine Möglichkeit zum Schreiben gefunden haben.

Seid ganz lieb gegrüßt -endlich aus der Wärme!

Tina und Reiko

 

 

Mittwoch, 27. Januar 2010

 

 

Wir sind in Haiti! Kaum zu glauben, aber wahr. Gestern Nacht sind wir in einen der mit Hilfsgütern beladenen LKWs gestiegen, um dann endlich, nach langer Fahrt heute gegen 10.30 Uhr in Port-au-Prince im Kinderhospital St. Damien einzutreffen. Hans wartete bereits auf uns, wir wurden herzlich empfangen und zugleich eingesogen in den geschäftigen Strudel an Logistik und Aufgaben verteilen. Hans scheint hier alles prima zu managen, ein Termin jagt den nächsten. Hubschrauber anrufen, wo er am besten landen kann, die Ankunft von einer Tonne Nahrung und Medikamenten organisieren, die morgen mit dem Hubschrauber in eine vom Erdbeben zerstörte Stadt geht, ein Termin mit der Welthungerhilfe, Apotheker ohne Grenzen, und zwischendurch noch ein Interview mit einem Journalisten. Ich bin mächtig beeindruckt. Neben all diesem geschäftigen Treiben werden Patienten behandelt, rennen Kinder durch den Hof des Krankenhauses und kocht irgendwer auch noch jede Menge Essen.

 

Und wir bekommen derweil alles erklärt. Wer ist wer und wofür ist diese Person zuständig. Wo melden wir uns wenn und so weiter und so weiter. Noch 1, 5 Tage bis Hans nach Hause fliegt und wir ohne ihn hier vor Ort sind. Reiko wird Hans Aufgaben übernehmen und es kommt jede Menge Verantwortung auf uns zu. Wir sind gespannt, freuen uns auf unsere Aufgaben und hoffen, dass wir viel tun können in den nächsten Wochen, was den Menschen auf Haiti Hilfe bringt.


Seid alle ganz lieb gegrüßt-jetzt aus der unglaublichen Hitze

Tina, Reiko und Hans

 

 

Donnerstag, 28. Januar 2010


Was für ein Tag...die Sonne hat uns draussen-Schlafende bereits um 6.30 Uhr geweckt. Zeitgleich dazu wird es hier von Minute zu Minute wärmer...

 

Nach einem sehr improvisierten Frühstück mit einem Kaffee (Instantpulver in Wasser, das ganze ab in die Mikrowelle. Dazu italienische Kekse), mehreren meetings und Abklären wer was heute wo arbeitet, sind wir zusammen mit Nina, einer jungen Apothekerin, zu einem Waisenheim gefahren, in dem es wohl an Essen, Wasser und medizinischer Versorgung mangelt. Im Gepäck daher Infusionen, Antibiotika, Paracetamol etc. und eine Gallone Wasser.

 

Was wir auf der Fahrt dort hin zu sehen bekamen, hat uns doch noch mehr bestürzt als wir zuvor gedacht haben. Die Stadt gleicht an manchen Stellen einem einzigen Flüchtlingslager. Die Menschen hier leben unter zusammengetackerten Planen, Lumpen, Stoffen. Und es sind so viele. Zahlreiche Häuser sind vollständig zerstört und man hat begonnen, den Schutt wegzuräumen. Teilweise mit bloßen Händen. Es sieht aus, als wäre Port-au-Prince bombardiert worden. Und doch scheint das Leben, wie immer, irgendwie weiter zu gehen...Es ist zum Beispiel wieder an zahlreichen Stellen der Stadt Markt und man ahnt, dass der vor dem Erdbeben auch nicht viel anders ausgesehen hat. Die meisten Menschen hier waren bereits zuvor bitterarm.

 

Im Waisenhaus angekommen, stellte sich zunächst heraus, dass es für alle genügend Wasser und auch essen gibt und Gott sei Dank auch fast alle bei guter Gesundheit sind. Vier von ihnen allerdings leiden an Durchfall, Erbrechen und sind bereits völlig dehydriert. Nach kurzem Überlegen und der ärztlichen Einschätzung von Reiko, haben wir uns entschieden, diese 4 mit in die Klinik St. Damien zu nehmen. Hier werden sie jetzt behandelt.

 

Für uns allerdings war die Fahrt noch lange nicht zu ende. Quer durch die Stadt ging es mit unserem Fahrer und Dolmetscher, beide junge Haitianer, in einem abenteuerlichen offenen busähnlichen Fahrzeug. Auf der Suche nach einer Lagerhalle für Wasser, Lebensmittel, Zelte und so weiter, die dort an jede Hilfsorganisation verteilt werden. Trotz langem Suchen und Fragen ist uns dies heute leider nicht gelungen. Vielleicht morgen mehr. Wir werden sehen.

 

Soweit erstmal für heute, wir sehnen uns nach Dusche und Isomatte...

Seid alle wie immer lieb gegrüßt, es geht uns wirklich gut hier trotz aller katastrophalen Umstände...

Bis bald

 

Tina und Reiko

 

 

 

 

Freitag, 29. Januar 2010

 

Haben heute Hans verabschiedet, jetzt sind wir mal gespannt, wie wir die bevorstehenden Aufgaben erledigen werden.

Heute waren wir den ersten Tag getrennt unterwegs.

Ich war heute mit einem der mobilen Klinik-Teams in Delmas, einem Stadtteil von PaP, in dem es aufgrund der Erdbebenkatastrophe kaum noch ein Haus gibt. Dafür allerdings 4000 Menschen, die dringend auf Hilfe warten. Hier wurde ein großes Zelt als Vorsorgeraum aufgebaut, in dem am Tag so ca. 100 Patienten von drei Ärzten und zahlreichen Helfern (darunter ich) untersucht, mit Medikamenten versorgt und im Notfall in die Klinik eingewiesen werden.

Heute waren es viele Kinder, alle mit Husten und Ohrenschmerzen, der unglaubliche Staub, der draussen herum fliegt, erklärt so einiges. (Abends sehe ich beinahe aus, als wäre ich gerade aus den Trümmern gezogen worden...)

Der Rest der Kinder hatte meist Harnwegsinfekte-zu wenig zu trinken ist eine Ursache...

Nach dem gestrigen Tag dachte ich bereits, wir haben viel Elend gesehen, katastrophale Wohnsituationen der Haitianer und so viel Armut. Doch es ging noch schlimmer...

Bleibt nur zu hoffen, dass die Hilfe für Haiti noch lange anhält und diese Kliniken vorerst erhalten bleiben können.

Dass dies auch von der organisatorischen Seite her gelingt, war Reiko heute bereits den ganzen Tag damit beschäftigt, Einsatzpläne zu schreiben, Aufenthaltsdaten der Ärzte zu erfragen, Listen auszudrucken und und und...

Alles in allem ein sehr produktiver, aber doch ermüdender Tag. Trotz aller Anstrengung sind wir jedoch jeden Tag froh, hier wenigstens ein bisschen helfen zu können...

Alles liebe von hier!!!

Tina und Reiko

 

 

 

Samstag, 30.1. 2010

 

Morgens mit Bischof von Mirogoane und Vertretern des katholischen Sozialwerks vor Ort mit dem Helikopter nach Mirogoane geflogen, und zusammen mit vier Lastwagen mit Medikamenten und Lebensmitteln da auch angekommen (ca. 100 km westlich an der Küste gelegen). Auch ein Team von amerikanischen Ärzten war bereits vor Ort und errichtete eine Klinik, allerdings nur für zwei Tage. Bei Ankunft gab es jedoch schon auch tumultartige Szenen, als das Gerücht von einer Nahrungsmittellieferung  die Runde machten und der Hubschrauber landete. Nur der Bischof, später auch herbeigerufene Polizei, konnten die Ordnung  wieder herstellen. Die Not ist einfach zu groß, ein häufiger Vorstellungsgrund in den mobilen Kliniken ist auch einfach Hunger, die entsprechende Medizin dann nicht bei den Medikamenten zu finden, Hilfe eigentlich einfach und doch so schwierig...

 

Vor dem Rückflug dann noch die Koordinaten des Landeplatzes genommen, falls medizinische Evakuierungsflüge notwendig würden, nach Eintreffen hier konnten wir auch noch den Notruf einer ebenfalls von einer deutschen Hilfsorganisation (Kinderhilfswerk)in Saintard betriebene Klinik nach Lebensmitteln weiterleiten. Tina kam dann erschöpft aber zufrieden von der Mobile Klinik an der Universität zurück, wo ein slowakisches Team tgl. bis zu 140 Patienten betreut. Da die Universitätsgebäude zerstört sind, werden die Patienten in davor errichteten Zelten versorgt.

 

So waren wir wieder froh, unser abendliches Meeting zu erreichen, um danach einfach ins Bett zu fallen, der Blick in den Sternenhimmel von PAP entschädigt dann auch etwas für den tagsüber herrschenden Hubschrauberlärm in der Einflugscheise für die nebenan gelegene US-Botschaft.

 

 

 

Sonntag, 31. Januar 2010

 

Ob man sich an Armut gewöhnen kann? Manchmal scheint es so...Heute jedenfalls durften wir nach Cite soleil, um auch dort wieder in einer provisorisch aufgebauten „Klinik“ in einem Klassenzimmer einer Grundschule zu arbeiten.

Cite soleil ist der ärmste Stadtteil von Port-au-Prince, eigentlich kann man nicht wirklich von Stadtteil sprechen, vielmehr ist es ein slum. Zwischen großen Müllbergen leben die Menschen hier, die Kriminalität ist sehr hoch. Aus diesem Grund ist die Klinik auch am Rande, also kurz nach der Eintrittspforte nach cite soleil. Doch es genügt schon hier, einen Eindruck zu bekommen, unter welch katastrophalen Bedingungen die Menschen leben. Dieses Leid hat jedoch nichts mit dem Erdbeben zu tun, fast hat man den Eindruck, hier sah es schon immer so aus. Hätte ich nicht in den Tagen zuvor schon so viele heruntergekommene Stadtteile mit ihren Bewohnern gesehen, wäre ich vermutlich völlig geplättet gewesen. So erscheint es mir eher „scheibchenweise“ von Tag zu Tag schlimmer zu werden, und ich habe tatsächlich den Eindruck, dass ich mich an diesen Anblick gewöhne und jeden Tag mehr das Fröhliche, Schöne und Gute sehen kann, das hoffentlich auch unsere Arbeit hier hinterlässt..

Da es Sonntag war, kamen heute nicht allzu viele Patienten (der gelebte christliche Glaube ist hier nicht nur an den bunt bemalten Taxis und Hauswänden zu sehen, sondern zeigt sich auch darin, dass die meisten Menschen hier am Sonntag in die Kirche gehen) und somit waren es nur wenige Stunden, die wir gearbeitet haben. Eine Frau, die eine große Wunde am Fuß hatte, haben wir am Abend mit in die Klinik genommen, ansonsten gab es keine schwereren Fälle. Viele Menschen hier haben großen Hunger und kaum Zugang zu sauberem Wasser und ich bin immer wieder erstaunt, tief berührt und habe große Achtung vor dem doch so schönen und sauberen Erscheinungsbild dieser Menschen. Einzig die Traurigkeit in ihren Augen machen mir hin und wieder zu schaffen und unser Wunsch für Haiti ist groß, dass sich hier langfristig etwas ändern wird.

Dass ein neues Team von LandsAid kommt, haben wir heute erfahren und wir freuen uns sehr, dass unsere hier begonnene Arbeit fortgesetzt wird. Haiti kann diese Hilfe gut gebrauchen und wir würden uns wünschen, dass genügend Geld, auch durch Spenden zusammenkommt, um dies möglich zu machen.

Wir senden allen ganz liebe Grüße von hier, es geht uns wirklich prima...

 

Bis ganz bald!

Tina und Reiko

 

 

 

Montag und Dienstag, 1. und 2.2. 2010

  

Weitere Tage in Cite soleil für mich, Reiko hat sich indessen die 4. und letzte Molibe Clinic angesehen. Christ Roi, eine bereits zuvor bestehende Klinik, in der alles notwendige vorhanden scheint (vor allem Medikamente), jedoch kein Arzt da ist. Auch diese Klinik wird von ausländischen Teams besetzt und letztendlich von uns mit koordiniert. Es ist interessant, wie unterschiedlich diese 4 mobilen Kliniken sind und spannend auch wenn wir uns die Bilder der verschiedenen Plätze immer wieder ansehen.

Christ Roi ist vom Erdbeben sehr gezeichnet und das Leben der Menschen in ihren provisorischen Unterkünften ein weiterer Einblick in das harte Leben der Haitianer hier in PaP.

Abends sind wir dann doch auch oftmals froh, mit einem kühlen Getränk ;-) hinter unserer Klinik St. Damien zu sitzen und mit all den netten und interessanten Menschen, die wir hier kennenlernen zu plaudern.

 

 

Montag und Dienstag, 3. 2. 2010

  

Mittwoch und ein weiterer Tag in Cite Soleil. Man ist immer wieder froh, genug Ärzte auf die Teams zu bekommen, die Fluktation ist doch groß und auch am Krankenhaus werden viele Hände gebraucht. Da heißt es verhandeln, organisieren, noch schneller arbeiten, oder notfalls dann auch einige Patienten bitten, am nächsten Tag wiederzukommen. Meistens schaffen wir es irgendwie, und heute sogar etwas eher, so daß auch noch ein Besuch bei dem Treffen der Gesundheitsgruppe der UN möglich war.

Das brachte als netten Nebeneffekt ein Essen in der klimatisierten Cafeteria, ein ungewohnter Luxus seit einiger Zeit. Den Mechanismus einer so riesigen Organisation zu erfahren ist auch ein Erlebnis an sich, vierzig, fünfzig Organisationen, ein babylonisches Sprachgewirr, und doch eine Struktur und das gemeinsame Interesse, den Menschen hier beizustehen, die Fähigkeiten und Möglichkeiten der einzelnen Organisationen mit den Bedürfnissen der Menschen zusammenzubringen. Natürlich gib es auch Streit um die Ausgestaltung eines Formulars, und die Zeit reicht auch meistens nicht, um alles zu besprechen. Auch hat man ob der Diskrepanz zwischen den herumstehenden materiellen Resourcen und  der häufig noch ungelinderten Not im Land schon Zweifel an der Effizienz einer solchen Organisation. Aber es gibt wohl wenig Alternativen.

Um so besser ist dann das Gefühl, im haitianischen Sammeltaxi nach Hause zu fahren, und eingestaubt und ohrenbetäubt, aber einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis von den klimatisierten Landcruisers der zahlreichen Organisationen überholt zu werden.

 

 

 

Donnerstag, 4. 2. 2010

 

Cite Soleil scheint „unsere“ Klinik zu werden. Es gefällt uns hier trotz der großen Armut und der doch etwas unsicheren Sicherheitslage sehr gut hier und wir freuen uns jeden morgen, hier herkommen zu dürfen. Vor dem Klassenraum warten dann bereits viele Patienten und es kommen im laufe des Tages noch mehr dazu. Etwa 100 bis 120 Patienten können wir am Tag versorgen und Reiko und unser haitianischer  Arzt Dr. Olnik sind ein gutes Team. Die meisten Menschen hier haben entweder schlecht oder gar nicht versorgte Wunden, die zum Teil noch von den Trümmern des Erdbebens herrühren, zum Teil chronische Erkrankungen. Dass wir den meisten hier nicht helfen können wenn sie mit einem Tumor, Leberzirrhose oder ähnlichem kommen, konnte ich zunächst nicht fassen. Es gibt derzeit keinerlei Möglichkeiten, diese Menschen adäquat medizinisch zu versorgen, da viele der Krankenhäuser in Port-au-Prince völlig zerstört sind, die anderen mit den vielen Erdbebenopfern völlig überlastet. So auch die Klinik St. Damien, in der wir untergebracht sind, die jeden Tag ab früh morgens mit dem Hubschrauber Patienten von der USS Comfort eingeliefert bekommt, die dort zwar operiert, jedoch danach nicht weiter betreut werden können.

So werden die Patienten in unserer kleinen Ambulanz mit Schmerzmitteln und Antibiotika versorgt, dann aber wieder ihrem Schicksal überlassen. Für uns aus Europa einfach unvorstellbar...

Um einem jungen Mann mit 19 Jahren, der sich mit einem Hodentumor vorstellte, dieses Schicksal zu ersparen, hat Reiko mit fragen, telefonieren und organisieren eine funktionierende Klinik ausfindig gemacht, in die wir ihn bringen können. Er kann dort operiert werden, es wird für ihn auch nichts kosten...

Im Anschluss an die Sprechstunde haben wir endlich unser Vorhaben wahr gemacht und uns auf einen kleinen Spaziergang durch den Slum begeben. Selbstverständlich in Begleitung des Schuldirektors, der uns jeden Tag unser Klassenzimmer aufschließt und auch den Einlass der Patienten regelt.

Und wieder einmal ging es noch schlimmer als zuvor gedacht. Es ist schwer in Worte zu fassen was ir zu Gesicht bekamen, die Eindrücke waren bewegend, bestürzend und fröhlich zugleich. Haiti eben, wie schon so oft. Wir denken, die Bilder sprechen für sich...

 

 

 

Freitag, 5.2.2010

 

Ihr werdet es nicht glauben! Heute war ein unglaublicher Tag! Die Hitze wird hier jeden Tag unerträglicher und wir quälen uns in den letzten 2 Stunden sehr, die Sprechstunde gut zu Ende zu bringen. Heute jedoch wartete am Ende des Tages noch ein ganz besonderes Highlight auf uns. Eine Frau, die ihr 10. Kind erwartete und einen Blutdruck hatte, den ich mich hier kaum zu erwähnen traue (260/160), haben wir aus diesem Grund mit in die Klinik genommen. In einer abenteuerlichen Fahrt durch den Verkehr von PaP kamen wir endlich in St. Damien an. Nach etwa einer Stunde kam das Baby zur Welt, Mama und Baby sind wohl auf und  wir glücklich, dass alles so gut gegangen ist. Es war ein schönes Erlebnis, hier ein Kind zur Welt kommen zu sehen, und obwohl es ja nun unsere Arbeit ist, die auch oft von Routine geprägt ist, kommt es einem hier doch vor wie ein kleiner Hoffnungsschimmer. Welch ein Wunder, dass unter diesen Bedingungen gesunde Kinder zur Welt kommen! Josué soll der kleine heißen, haben wir beschlossen, die Mama hat sich gewünscht, dass die Hebamme den Namen vergibt. Ich hoffe, sie ist zufrieden damit...   

 

 

Samstag, 6.2.2010

 

Auch heute wieder packen und nach Cite Soleil. Die Absperrung durch amerikanische Soldaten schon eine Straße eher. Keiner weiß warum, wir fahren weiter und es erscheint alles wie immer. Geschäftiges Markttreiben, Hitze, Staub, Lärm... Heute ist Samstag und daher sind auch weniger Patienten vor der Tür. Dann aber zu den „normalen“ Infektionskrankheiten auch diverse Ausflüge in andere Fachgebiete, eine frische Platzwunde wird genäht, ein Neugeborenes versorgt, und eine vorläufige Zahnfüllung angefertigt, mit dem Hinweis,  einen Zahnarzt aufzusuchen, was sicher nicht so leicht möglich sein wird und aus der vorläufigen eine Dauerfüllung machen wird, solange sie eben hält. Das steht ein bißchen für unser Vorgehen hier, bzw. die Funktionsweise der humanitären Hilfe. Häufig heißt es improvisieren, Lösungen für einen Tag, für mehrere Tage, die Not ist groß und die Möglichkeiten beschränkt. Ob die vielen Menschen aus den Notunterkünften, die mehr und mehr die Straßen, letztendlich jeden freien Winkel der Stadt säumen, einmal  wieder ein richtiges Dach, vielleicht dann sogar ein erdbebensicheres, über dem Kopf haben werden? Und wann? Angesichts des Ausmaßes und der Geschichte anderer ähnlicher Katastrophen wachsen die Zweifel mit der Größe der Slums täglich.

 

Aber auch unser nächstes Team ist angekommen, doch auch eine Erleichterung, daß die Hilfe erst einmal weiter geht, aber auch, daß wir die Last bald abgeben können. Eine erste Runde im Krankenhaus,  die Vorstellung bei den einheimischen Partnern, in der Erinnerung noch unser Gefühl bei der Ankunft, überwältigt vom Ausmaß der Katastrophe, aber auch der Exotik des Landes. 

 

 

 

Sonntag, 7.2.2010

 

Erster Morgen fuer die „Neuen“, der karibische Sonnenaufgang  auf dem Dach des Gaestehauses laesst uns noch nicht an Arbeit und andere Seite des Lebens denken, was uns hier taeglich erwartet. Heute gibt es aber zum ersten Mal eine Art Ruhetag nach den letzten 14 Tagen. Im Gottesdienst bei Father Rick koennen wir wieder erleben, das das Erdbeben und dessen Folgen immer noch Thema sind, er erzaehlt von einem Begraebnisgottesdienst, bei dem die tote Familie noch unzugaenglich unter Truemmern lag und der Gottesdienst auf dem Truemmerhaufen stattfand, einfach etwas ausserhlab unserer normalen Vorstellungskraft, aber Teil der Verarbeitung fuer die Menschen hier, und „normal“ bei einem unvorstellbaren Ereignis.

Nachdem wir noch unsere Nachfolger im Meeting vorgestellt hatten, war dann zum ersten Mal ein Wechsel der Bilder fuer uns alle geboten, mit den slowakischen Teams ging es zum einem palmengesaeumten Strand, und auch immer wieder ein seltsames Gefuehl fuer die Absurditaet der Situation, nach all dem Chaos und Leid im lauwarmen Wasser zu treiben oder eine Kokonuss am Strand auszuschluerfen. Dennoch wichtig, um auch weiter das zu machen, was wir jeden Tag tun.

 

 

 

Donnerstag 11.2.2010

 

Die letzten zwei Tage in Cite Soleil, unsere Nachfolger sind bei uns und wir brauchen uns keine Sorgen um unsere Patienten machen. Es ist gut zu wissen, dass weiterhin jemand da ist für die, die sonst keinen Arzt sehen, sich keine Medikamente leisten können. Für uns selbst heißt es aber nun Abschied nehmen an diesem Dienstag, ein letztes Gruppenfoto, ein Handschlag mit dem Lehrer, der uns treu begleitete und uns half bei der Patientenaufnahme, es fällt uns sehr schwer, und wir werden die Menschen hier vermissen. Alles geht dann sehr schnell, ausräumen, eine letzte Übergabe an die Nachfolger, Sim-Kartenwechsel, und dann in den Hubschrauber, der uns zurück nach Santo Domingo bringt. Ein langsamerer Abschied als mit einem Flugzeug, von einer unglaublichen Zeit und Erfahrung, und so sehen wir ein letztes Mal die Zerstörung, aber auch das Grün und die Camps, die Zelte und das Lazarettschiff im Hafen, und fliegen nach Hause mit der Hoffnung, das diese Narben, die das Erdbeben in das Gesicht Haitis geschlagen hat, irgendwann nicht mehr so sichtbar sind.

 

In Santo Domingo haben wir durch eine Nacht die Möglichkeit, wieder langsam in unsere Realität zurückzukommen, wieder richtige Betten, gutes Essen und unzerstörte Häuserm. Der Schneesturm in New York stimmt uns dann auf zu Hause ein, auch wenn sich unsere Sinne erst einmal wieder an das Gefühl gefrorenen Wassers gewöhnen müssen.

 

Wir werden uns ein letztes Mal von zu Hause melden, wenn der derzeit noch nicht vorstellbare Alltag uns wieder hat...

 

 

 

Spenden Sie jetzt für die Erdbebenhilfe in Haiti:

Spende online oder an Spendenkonto 10022

VR Bank Landsberg am Lech, BLZ 700 932 00

Internationale Bankleitzahl BIC: GENODEF1STH

Internationale Konto-Nr. IBAN: DE55700932000000010022

 

LandsAid sagt im Namen der Betroffenen vielen herzlichen Dank!

 
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