10.10.2011, Griftu, Kenia - Interviews mit dem behandelnden Arzt Dr. Jens Kittel und dem keninanischen Projektkoordinator Peter Otieno Nyagilo zur Situation im D├╝rregebiet

Der kenianische Projektkoordinator Peter Otieno Nyagilo ist seit 22. September 2011 f├╝r LandsAid im D├╝rregebiet in Griftu. Er ist in der Zusammenarbeit kein Unbekannter: u.a. bereits 2008 nach den blutigen politischen Unruhen im Land hat er bei dem damaligen LandsAid-Hilfseinsatz und der Versorgung der Binnenfl├╝chtlinge geholfen. Urspr├╝nglich als Pflegekraft ausgebildet hat Peter vor Jahren eine Weiterbildung in community development abgeschlossen und war mit kurzen Unterbrechungen in den vergangenen 16 Jahren bei verschiedenen Organisationen angestellt, unter anderem bei der kenianischen Regierung. "Ich bin sehr gl├╝cklich, Arbeitserfahrung mit internationalen Organisationen gesammelt zu haben - besonders mit denen, die aus Deutschland kommen, weil diese mich sehr inspiriert haben", erkl├Ąrt er. Wir haben ihn zu seiner jetzigen Arbeit mit LandsAid, zur Situation vor Ort und der D├╝rre in Kenia befragt.


Frage: Was war Ihr erster Eindruck von Griftu und der Umgebung?

Peter Otieno Nyagilo: Mein erster Eindruck war, dass Griftu, ein sehr kleiner Ort, sehr trocken ist. Au├čerdem geht den Menschen hier jegliche Grundversorgung ab - Wasser, ein Gesundheitssystem und Essen.

Welche D├Ârfer haben Sie bis jetzt in der Gegend um Griftu besucht?

Bis jetzt haben wir sechs D├Ârfer in der N├Ąhe von Griftu besucht: Adanavale (in circa 35 km Entfernung von unserem Basisstandpunkt in Griftu), Matho (ca. 20 km Entfernung), Basir (ca. 145 km Entfernung), Abduako, Anole und Dela.

Gibt es ein besonderes Dorf mit einer besonderen Geschichte, die Sie uns erz├Ąhlen k├Ânnen?

Ich verbinde das Dorf Anole mit einer ganz besonderen Geschichte, weil es die erste Station war, bei der wir einen kleinen Patienten bekamen, der dringend eine weitergehende Behandlungen ben├Âtigte, als wir das mit der mobilen Klinik leisten konnten. Deshalb nahmen wir ihn in unserem Auto mit und brachten ihn nach Griftu ins dortige Krankenhaus. Zu meiner Zufriedenheit ging es dem Kind bald so viel besser, dass wir es wieder zur├╝ck nach Hause bringen konnten.

Wie sieht ein "normaler" Arbeitstag f├╝r Sie aus?

Ein normaler Tag hier ist: Aufwachen, fr├╝hst├╝cken, das Auto f├╝r den Tag mit Medikamenten und Equipment etc. packen, in eines der D├Ârfer fahren, mit den Patienten arbeiten, zur├╝ckkommen, ein paar Kleider waschen - alles ist voll von Staub nach so einem Tag -, etwas Hei├čes trinken, gemeinsam zu Abend essen, dann die allabendliche Besprechung mit dem Team, den kommenden Tag planen und sp├Ąter ersch├Âpft ins Bett gehen.

Was f├╝hlen Sie, wenn Sie von so einem Tag zur├╝ck kommen?

Ich f├╝hle mich m├╝de, aber gl├╝cklich. Weil ich gemeinsam mit dem LandsAid-Team den Bewohnern der D├Ârfer etwas geben kann, das sie sonst nicht haben. Das erf├╝llt mich mit Gl├╝ck.

Glauben Sie,  Ihre Arbeit ist sinnvoll?

Nat├╝rlich! Ich glaube, sie macht auf alle F├Ąlle Sinn. Wir sind vor etwa drei Wochen hier angekommen. Seitdem sehen wir die Ergebnisse unserer Arbeit an den Menschen, die hier auf dem Land leben. Zum Beispiel hatten wir vier Patienten, die wir ins Krankenhaus nach Griftu bringen konnten, wo sie verschiedene medikament├Âse Behandlungen bekamen. Sie waren so dankbar, dass wir zu ihnen ins Dorf gekommen sind. Unsere Arbeit macht gro├čen Sinn, hier zu sein und den Menschen zu helfen und damit ihr Leben zu ver├Ąndern, positiv zu ver├Ąndern.

Hatten Sie ein Erlebnis mit einem Patienten, das Sie besonders ber├╝hrt hat?

Ja, in dem Dorf Abduako war eine H├╝tte mit vier kranken Leuten. Die Frau, ihr Kind, die Gro├čmutter und die ganze Dorfgemeinschaft hatten die H├╝tter verlassen und gemieden, weil sie dachten, es sei eine schlimme ansteckende Krankheit. Als wir kamen, haben wir alle vier gleich ins Krankenhaus gebracht. Dort stellte man Malaria und Lungenentz├╝ndung fest. Man konnte sie alle behandeln. Das hat mich tief ber├╝hrt. Ohne uns w├Ąren die vier vielleicht gestorben, die ganze Familie. Nur weil sich niemand k├╝mmerte und die n├Ąchste Gesundheitsstation 50 Kilometer weit weg ist.

Welche Vorstellungen hatten Sie, bevor Sie Ihren ersten Arbeitstag hier antraten? Hat die Realit├Ąt dieser Vorstellung entsprochen?

Aufgrund meiner Erfahrung dachte ich, wir w├╝rden hier viele Menschen sterben sehen. In den D├Ârfern sah ich dann tats├Ąchlich die Menschen, denen es sehr schlecht geht. In Griftu selbst ist das Leben einigerma├čen normal, aber auf den D├Ârfern fehlt es an allem: Essen, Trinken, Medikamente, ├Ąrztliche Versorgung. Das sind die fast schon chronischen Hauptprobleme hier. Da k├Ânnen wir mit unserer Arbeit zum Teil wirklich vielen helfen.

 

 

 

Der Arzt Dr. Jens Kittel ist zum zweiten Mal f├╝r LandsAid im Einsatz. Seit 2. Oktober 2011 ist er gemeinsam mit einer Hebamme und einem Krankenpfleger f├╝r die Versorgung der Patienten im D├╝rregebiet um Griftu verantwortlich. In Deutschland arbeitet er ├╝berwiegend als Neurologe. Zudem hat er Erfahrung in der Expeditionsmedizin. Auch ihm haben wir einige Fragen gestellt.


Frage: Wie war die Reise nach Griftu?

Dr. Jens Kittel: Es war eine lange Anreise, da wir die gesamte Strecke von Nairobi bis nach Griftu mit dem Auto zur├╝ckgelegt hatten. Nur die H├Ąlfte der Stra├čen sind mit unseren Stra├čen vergleichbar, die andere H├Ąlfte der kilometerlangen Strecke haben wir auf Sandwegen zur├╝ckgelegt.

Was war der erster Eindruck, als Sie in Griftu angekommen sind?

Mein erster Eindruck war, dass es unglaublich trocken ist. Wir haben aber zum Gl├╝ck eine ganz angenehme Unterkunft. Wir m├╝ssen sehr mit dem wenigen Wasser sparen, sind aber mit den wesentlichsten Dingen versorgt. Unsere Ern├Ąhrung ist sehr viel weniger vielseitig als in Deutschland, aber wir kommen ganz gut zurecht.

Und welche Eindr├╝cke hatten Sie von der Umgebung rund um Griftu?

Die Umgebung von Griftu ist sehr unterschiedlich. Aber ├╝berall ist es extrem staubig und trocken. In Griftu gibt es eine Stra├če mit allerhand Gesch├Ąften, da wirkt es fast ÔÇô normal d├Ârflich. Rings um Griftu, ├Ąhnlich wie bei allen D├Ârfern hier, sind die staubigen Wege von Kindern bev├Âlkert, die Wasserf├Ąsser von den Quellen zu den H├╝tten rollen. ├ťberall h├Ąngen Plastikabf├Ąlle in den verdorrten B├Ąumen und Str├Ąuchern. Das ist sicher die Folge unserer zivilisatorischen Entwicklung.

Die Bewohner hier sind alle sehr, sehr freundlich und zug├Ąnglich. In Griftu hatte ich sofort eine Riesenschar von Kindern um mich rum, hab zwei Lehrer getroffen, hab den Polizisten getroffen, und kenne nun eigentlich fast die wichtigsten Leute aus Griftu (lacht).

Wie sieht hier ein Arbeitstag f├╝r Sie aus?

Ja, aufwachen tut man eigentlich hier, wenn es hell wird, also um 6 Uhr stehen wir eigentlich alle auf. Dann wird der Fr├╝hst├╝ckstisch gedeckt, dann kommen so nach und nach alle zum Fr├╝hst├╝ck und meist gegen 8 Uhr haben wir dann unseren Rover gepackt mit allen Ausr├╝stungsgegenst├Ąnden f├╝r die mobile Klinik. Dann fahren wir ein-, manchmal auch eineinhalb Stunden in die D├Ârfer und arbeiten dort bis etwa 4 Uhr. Nachdem wir zur├╝ck sind, muss meist noch etwas eingekauft werden, dann wird gekocht. Dann sitzen wir noch zusammen und besprechen den Tag und bereiten uns auf den n├Ąchsten vor.

Welches der D├Ârfer, die Sie um Giftu besucht haben, hat Sie am meisten beeindruckt?

Das war das Dorf Anole, als wir das erste mal dort waren. Es ist in einer ausgesprochenen trockenen Gegend mit den dadurch hervorgerufenen Krankheiten, viele Kinder waren sehr schlecht ern├Ąhrt.

Dann haben wir unsere mobile Klinik inzwischen auch in sechs anderen D├Ârfern aufgebaut. Die D├Ârfer sind unterschiedlich. Manche haben eigene Quellen, dort ist der Ern├Ąhrungszustand und auch der Gesundheitszustand der Menschen deutlich besser. Diejenigen D├Ârfer aber, die weiter entfernt liegen und ├╝ber LKWs mit Wasser versorgt werden m├╝ssen, die haben eine ganz ausgesproche H├Ąufung an Krankheiten wie Ohrinfektionen, Augeninfektionen, Hautinfektionen und Pilzerkrankungen der Kopfhaut und den Menschen geht es wirklich schlecht.


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