Die 25-jährige Krankenschwester, Rettungssanitäterin und Medizinstudentin Katharina Flecke aus Dresden ist bis Ende September 2010 mit dem voraussichtlich letzten medizinischen Team der mobilen Kliniken für LandsAid in Port-au-Prince. LandsAid engagiert sich weiter mit einer Prothesenwerkstatt vor Ort. Frau Flecke schreibt hier für das Team über das Leben in der vom Erdbeben zerstörten Stadt und der Arbeit in den mobilen Kliniken.

 

 

Montag, 20. September 2010

Inzwischen sind wir seit einiger Zeit in unserer „Abschlussbesetzung“ komplett. Doro von unserer Partnerorganisation Apotheker ohne Grenzen, unsere fleißige Apothekerin, Tobias, unser junger Arzt, Michael und Steffen, die beiden Orthopädietechniker, unsere zwei „Chefs“ Birgit und Francis und ich natürlich.

Wir hatten z.T. zu Beginn einige Tage zusammen mit Caro, Günter, Jens und Dirk, die es uns leicht gemacht haben, hier in Haiti anzukommen und sich im Team sofort wohl zu fühlen. Vielen Dank dafür an Euch alle insbesondere an Dich, Caro, für all' die guten Tippsvon Krankenschwester zu Krankenschwester.

Nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten u.a. seitens meines Magens, fühle ich mich nun auch wohl in Haiti und kann noch gar nicht glauben, dass es in einer Woche schon wieder vorbei sein soll. 5 Wochen weg wie nix. Leider muss ich feststellen, dass ich mich auch an die Zustände in den Camps, den ganzen Müll, den Lärm und die insgesamt doch oft menschenunwürdigen Lebensumstände der Menschen irgendwie gewöhnt habe. Erst hatte es mich oft sehr schockiert, bis abends nach Hause nicht losgelassen und ständig grübeln lassen. Momentan mache ich meine Arbeit so gut ich kann und wundere mich, dass ich so schnell damit umgehen gelernt habe.

Andersherum haben wir auch alle festgestellt, wie tagesformabhängig das ist, und auch abhängig davon, wie nahe man an den Patienten dran ist. Z.B. sind wir alle berührt gewesen von dem Schicksal der jungen Mutter mit dem weit fortgeschrittenen Brustkrebs, die wohl nicht mehr lange bei ihrer Familie sein wird. Man kann sich nicht wehren gegen die Fragen im Kopf was gewesen wäre, wenn sie in Europa oder Amerika gelebt hätte und früher besser behandelt worden wäre.

Aber inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die vielen kleinen Dinge, die wir täglich für die Patienten tun, viel Gutes bewirken: die Kinder mit den vielen Hautveränderungen, die wir versorgen können; die vielen Malariatests, mit denen wir wertvolle Infos für den richtigen Therapieweg sammeln.

Es ist oft abwechslungsreich, insbesondere in Cazeau, einem unserer Standorte, wo letztens ein junger Mann, der sich mit einem Metallstück am Zeh eine Wunde zugezogen hatte, zu uns kam. Gereinigt, gespült, mit Jod versorgt sah die Verletzung zu unserer großen Überraschung beim nächsten Mal schon sehr gut aus. Sowieso scheint es mir unter den oft dreckigen Bedingungen, in denen die Menschen leben, wie ein Wunder, wie gut die Wunden bisher verheilt sind.

Eine weitere sehr positive Sache, die uns, dem medizinischen Team, heute sehr viel Spass gemacht hat, war die Arbeit mit einer Gruppe von Freiwilligen aus dem Camp Villam Betta. Die vorherigen Teams hatten bereits begonnen die so genannten „health worker“ zu einigen Basisgesundheitsthemen zu schulen und wir haben diese Aufgabe übernommen.

Heute stand noch einmal das Thema Fieber auf dem Plan. Die Gruppe begann zusammenzufassen, was sie zu Fieber bereits wussten, und schnell kamen Fragen und Unklarheiten auf. In einem gemeinsamen Gespräch haben Tobias, Doro und ich mit der großartigen Hilfe unseres Übersetzers Mitho Antworten gegeben, Ergänzungen gemacht und auf Wichtiges hingewiesen. Die health worker waren sehr neugierig und wollten viel wissen. Anschließend kam bei einigen die Reaktion:

“ Ach, jetzt habe ich es erst richtig verstanden!“ Wir waren happy, einen Weg gefunden zu haben, ihnen unser Wissen verständlich zu übermitteln. Die health worker sollen in Zukunft Ansprechpartner für gesundheitliche und hygienische Fragen der Menschen im Camp sein und ihnen ihr Wissen weitergeben. Jetzt sind wir schon sehr gespannt auf das nächste Treffen am Mittwoch, wo es um das Thema Durchfall gehen soll.


Ihr hört wieder von uns!

Liebe Grüße aus dem heißen Haiti,

Eure Kati

 

Mittwoch, 22. September 2010

Hallo an alle fleißigen Leser,

zwei weitere ereignisreiche Tage in Haiti sind vorbei und haben wiedermal gezeigt in wie kurzer Zeit sämtliche Pläne, die man sich schön zurechtgelegt, hatte durchkreuzt werden können. Wenn ich also eins in Haiti gelernt habe, dann ist das Geduld haben und flexibel sein!

Nach unserem erfolgreichen health-worker-training am Montag in Villam Betta stand für Dienstag ein Einsatz mit der Kindernothilfe auf dem Plan. So sind wir dann gestern mit dem haitianischen Team und den Krankenschwestern von der Kindernothilfe nach Croix des Bouquets gefahren, wo von der Kindernothilfe ein weiteres Projekt betreut wird.

Nachdem dies nun schon das zweite Mal an diesem Ort war, gab es jetzt sofort einen Ansprechpartner für uns, was immer alles sehr viel leichter macht. Da es bereits nach Regen aussah, konnten wir glücklicherweise in Klassenräumen untergebracht werden und, sobald die Eltern anwesend waren, mit der Behandlung der kleinen Patienten beginnen. Wir hatten einige Malaria- und Urintests zu machen. 58 kleine Patienten sind es an diesem Vormittag geworden, die Dank der guten Zusammenarbeit des ganzen Teams versorgt werden konnten.

Ausnahmsweise mal pünktlich fertig mit der Arbeit, wurde der Rückweg wurde dann für alle zur Geduldsprobe: Erst mussten wir mit vereinten Kräften das Auto anschieben, weil die Batterie leer war. Dann waren die Straßen vom andauernden Regen überspült und ich habe ehrlich gesagt jeden Moment damit gerechnet, dass wir uns fest fahren. Schließlich ist uns aber im eh schon anstrengend Stadtverkehr der Reifen geplatzt. Das Schöne war, dass es an der Stimmung im Team nichts geändert hat, und wir alle herzlich über diese vielen kleinen Dinge lachen konnten.

Irgendwann sind wir dann ziemlich müde zu Hause angekommen. Am Abend galt es, sich auf das health-worker-Treffen am Mittwoch vorzubereiten. Doro und ich werden uns mit den health-workern treffen und mit ihnen über Durchfallerkrankungen und allgemeine Hygienemaßnahmen sprechen. Wir sind schon sehr gespannt, bestimmt läuft wieder so gut wie am Montag.

In den nächsten Tagen werdet ihr es erfahren :o).

bis dahin, sonnige Grüße

Kati

Freitag, 24. September 2010

Freitag schon. Nur noch 4 Tage hier in Haiti. Es kommt mir alles ziemlich unwirklich vor. Als ob ich erst gestern angekommen bin: immer noch ganz viele Fragen, Unverständnis über viele Dinge, die hier passieren, und dieses ungute Gefühl, dass man noch viel mehr machen könnte als man bisher getan hat.

Dass die Arbeit in den Mobilen Klinik schon vorbei ist, ging mir im Nachhinein betrachtet fast irgendwie zu schnell ging. Ich hätte gerne die kleinen Erlebnisse, die man jeden Tag v.a. mit den Kindern hatte, nochmal bewusster erlebt. Aber es gibt viele schönen Erinnerungen an Momente der vergangenen Wochen.

Z.B. in Villam Betta: Wir warteten ein paar Minuten auf unsere Abfahrt und hatten das Autoradio laufen. Spontan sammelte sich eine Schar von Kindern um uns und fing an zu tanzen. Gerade mal 5 oder 6 Jahre alt, aber begabt, als hätten sie es mit der Muttermilch aufgenommen. Richard, unser haitianischer Arzt, hat daraufhin kurzerhand einen kleinen song contest gemacht und nach jedem Lied Plätze vergeben. Wir waren alle fasziniert von diesen Kindern und ihrer Lebensfreude, und haben wohl nur zu gerne für einen Moment vergessen, unter welchen Umständen diese Kinder aufwachsen.

Nicht zuletzt um diese Umstände etwas zu verbessern, haben Doro und ich uns Donnerstag ein letztes Mal mit den health-workern getroffen. Thema: Durchfall und Hygiene. Es ist, wenn man davon absieht, dass einige erst im Laufe des „Unterrichts“ eingetrudelt sind, obwohl wir eh schon wenig Zeit hatten, sehr gut gelaufen. Alle haben gut mitgearbeitet und meine zuvor angefertigten Skizzen zum Thema Infektionskette haben für so manchen Lacher gesorgt. Am Ende konnten wir allen noch ein paar Kopien zum Umgang mit ORS (oral rehydration solution) und zur Erkennung von dehydrierten (ausgetrockneten) Menschen an die Hand geben. Als wir nach Hause kamen, mussten wir noch alles vorbereiten für den Abend.

Was besonderes war? Abschiedsparty von der Mobilen Klinik mit dem ganzen Team! Doro zauberte mit einfachsten Mitteln – wofür so ein Rest Theraband alles gut sein kann - und einer großen Portion Kreativität eine gemütlich Atmosphäre, die wir, nachdem klar war, dass wir wirklich Strom und Wasser für den Abend haben würden, auch genießen konnten. Ketsi, unsere Köchin, beglückte uns mit vielen Leckereien und für haitianische Tanzmusik war gesorgt. Wie die Kinder scheint hier jeder von Natur aus tanzen zu können. Alle waren da und es war ein sehr, sehr schöner  Ausklang, der das Team nochmal ein ganzes Stück näher zusammen gebracht hat.

Fortsetzung folgt...

Kati

 

Samstag, 25. September 2010

„Wie geht es den Menschen in den Camps jetzt? Stehen ihre Zelte noch?“ Diese Fragen haben mich gestern, Freitag, nicht mehr losgelassen, als für fast eine halbe Stunde Wind und Wetter um uns herum tobten. Und dabei hatte alles so schön angefangen....

Noch etwas müde von der Abschiedsparty gingen wir morgens den Plan für den Tag durch, der für mich und das medizinische Team vor allem eins bedeutete: Inventur und Statistiken. Während Tobias sich um seine Arztstatistiken kümmerte, zählten Doro und ich Medikamente, Verbandsmaterialien und Haushaltsgegenstände. Ehrlich gesagt hätte ich lieber mit der Mobilen Klinik gearbeitet ;o)...aber das gehört nun einmal auch dazu.

Gegen halb 12 stand Edson vor der Tür, um uns zur Zentrale der Kindernothilfe zu begleiten, wo wir mit dem gesamten Team zum Mittagessen eingeladen worden waren. Wir wurden herzlichst empfangen und mit einer tollen Rede von Alynx Jean-Baptiste, den Direktor der KNH Haiti, begrüßt. Er hob unsere sehr gute Kooperation hervor, mit deren Hilfe wir vielen Kindern hatten helfen können. Stellvertretend für das gesamte Team der Mobilen Klinik durfte Francis Djomeda, der in den letzten Monaten die Mobile Klinik koordiniert hatte, am Ende eine kleine Ehrentafel entgegennehmen. „Pour soins fournis aux enfants affectes par le seisme du 12 Janvier 2010“ - für die medizinische Behandlung an den Kindern betroffen vom Erdbeben des 12.Januar 2010, war darauf zu lesen. Ich glaube, wir waren alle ein kleines bisschen stolz in diesem Moment.

Bei gutem Essen hatten alle schließlich die Gelegenheit, sich auszutauschen und  angesichts des nahenden Abschieds, bereits erste Adressen auszutauschen. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie es in Haiti mit der KNH weitergeht und hoffe in gutem Kontakt bleiben zu können. Für mich war die Arbeit mit der Kindernothilfe in vielerlei Hinsicht eine prägende Erfahrung, da wir meistens an diesen Tagen in Gebiete gefahren sind, wo die Menschen unter besonders schlechten Bedingungen leben.

Während die ganze Zeit Sonne geschienen hatte, braute sich jetzt draußen ein richtiges Unwetter zusammen, sodass wir bald sämtliche Türen und Fenster schließen mussten und von der Scheibe wegtreten sollten. Mit einem Mal fegten heftigste Böen um das Gebäude, begleitet von starkem Regen. Wir konnten beobachten, wie die Bäume in den Nachbargärten umknickten und die Stromleitungen dem Wind erlagen. Die Straße glich langsam einem kleinen Flusslauf. Es war unheimlich.

Und doch dachte ich: Lieber Gott, haben wir es gut, wir haben ein stabiles Dach über dem Kopf, trockene Sachen am Leib, haben gerade gut gegessen und müssen jetzt nur warten, bis alles vorbei ist, damit wir ins Auto steigen können, um nach Hause  zu fahren.

Und wie geht es den Menschen in den Camps jetzt? Stehen die Zelte von Villam Betta noch, wenn wir später daran vorbeifahren? Wie stark sind die Überflutungen dort, wo es natürlich keine Abwasserkanäle gibt, sondern alles direkt durch's Camp fließt? Was passiert, wenn sich das in der nächsten Zeit wiederholt?

Auf dem Rückweg sahen wir wohl nur einen kleinen Teil der Schäden. Aber unser Team der Prothesenwerkstatt, die 3 Mal so lange für ihren Weg brauchten als sonst, berichtete von starken Überschwemmungen, von 2 Menschen, die von umherfliegenden Teilen am Kopf getroffen worden waren, und von abgebrochenen Schildern, die die Straßen blockierten.

Unsere Unterkunft hat zum Glück vergleichsweise wenig abbekommen: Küche und Esszimmer standen etwas unter Wasser, und der Moskitodom auf der Terrasse, mein Schlafplatz, lag 10 m weiter durchnässt im Beet. Ansonsten sind wir verschont geblieben. Mir graute es davor, am nächsten Morgen bei Tageslicht die Zeltestädten anzusehen.

Auf dem Weg zum Flughafen heute morgen, um Tobias wegzubringen, war ich dann jedoch überrascht wie schnell die Menschen ihre Zelte bereits wieder aufgebaut zu haben schienen und wie frei geräumt die Straßen bereits waren. Aber da haben wir, denke ich, auch nur einen sehr kleinen Einblick bekommen....

Bis zum nächsten und wahrscheinlich dann letzten Mal,

Kati

 

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